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Ein kollegialer Appell
Moskau, 10.6.2014


Die Ukraine-Krise offenbar auch eine Krise unserer Medien.Wir Journalisten müssen Selbstkritik üben. Unser Berufsstand  hat massive Probleme, nicht nur in Sachen Ukraine гтв Russland. Ich hoffe sehr auf eine breite Diskussion!
  1. Wir haben exzellente Russland-Fachleute, die Putins Propaganda und sein System durchschauen.
    Leider sind das nicht (mehr) sehr viele, eine große Zahl wurde in den vergangenen Jahren in Ruhestand versetzt, abgezogen oder zum Wechsel in die Wirtschaft gedrängt, aus Kostengründen. Mehrere Medien wie „Die Zeit“ oder das Handelsblatt haben ihre Moskauer Büros geschlossen, andere haben sie verkleinert (siehe Links unten). Wir haben sehr viele Journalisten, die kaum oder gar kein Russisch/Ukrainisch sprechen und das Land nicht kennen, und jetzt wegen der Krise von dort oder über die Ereignisse dort berichten müssen. Damit sind sie genauso hilflos überfordert wie wir Russland-Experten es wären, wenn wir morgen aus Kairo berichten würden, oder wenn ein Kinderarzt plötzlich als Proktologe arbeiten sollte - auch wenn beide formell den gleichen Beruf haben.  Auch in den Talkshows kommen vorwiegend Gäste zu Wort, die sowohl die Ukraine als auch Russland nur unzureichend kennen (oder Propagandisten sind).

    Gerade in Russland ist sehr viel Erfahrung notwendig, um hinter die Kulissen zu blicken. Der Kreml weiß das und setzt  geschickt auf Schikane, um Berichterstatter fernzuhalten. So müssen Korrespondenten etwa seit einiger Zeit beim Umzug den gesamten Hausstand verzollen, oft 20.000 und mehr Euro. Ein Protest von deutscher Seite blieb aber m.W. aus. Putin gibt Interviews nur noch Chefredakteuren, die Russland meistens kaum kennen und nicht nachfragen können wie Fachleute. Freie Medien sollten dieses Spiel nicht mitspielen, und sich nicht vor Protesten scheuen.


     
  2. Viele Medien verzichten auf feste Korrespondenten, beschäftigen Freiberufler.
    Die sind meistens schlecht bis sehr schlecht bezahlt. Es gibt Kollegen, die parallel für deutsche Medien und für russische Propagandaorgane arbeite(te)n. Spiegel Online etwa fiel durch eher kremlfreundliche Berichte aus der Ostukraine auf. Einer der Autoren, der inzwischen auch für den Print-Spiegel arbeitet, war bis vor kurzem parallel für „Russland heute“ tätig und stand dort als Gastautor im Impressum. Für „Die Zeit“ war das ein Grund, die Zusammenarbeit zu beenden. Für den Spiegel nicht. Der Kollege hatte u.a. im Frühjahr 2012 einen Artikel über „Pussy Riot“ in der FAS veröffentlicht, der diese mit Terroristen gleichsetzte und auch andere Elemente aufgriff, die sonst eher in der Kreml-Propaganda zu finden sind. In seinem aktuellen Bericht aus Mariupul von Spiegel Online entsteht der Eindruck einer breiten Unterstützung für die Separatisten. Zitat: „Um an diesem Tag Mariupoler zu finden, die eine Abspaltung von der Ukraine ablehnen, muss man etwas suchen.“ Die Frage, ob dies  vielleicht an der Gewalt der Separatisten liegt, taucht nicht auf. Ist es zulässig, diese Gewalt einfach zu verschweigen? Die "Aktivisten", heißt es weiter in dem Beitrag, hätten mit Flugblättern und Internet Reklame machen müssen, da die örtlichen Sender nicht berichteten - gleichzeitig wird die Rolle des russischen Staatsfernsehen  gar nicht erwähnt.



    So eine Doppeltätigkeit ist problematisch. Leider ist das für viele ein Tabuthema, und im Kollegenkreis ohne enormes Hochkochen von Emotionen nicht diskutierbar. So sehr man sich vor dem Vorwurf der Voreingenommenheit gegenüber Kollegen hüten muss  – ebenso unzulässig ist die Art und Weise, wie von vielen negiert wird, dass so ein Interessenskonflikt überhaupt ein Problem darstellt. Ebensowenig ist es tolerierbar, wenn eine sachliche Diskussion in gehässiger Art und Weise niedergeschrie(be)n wird – nach dem Motto: Wer darüber spricht, ist ein Nestbeschmutzer. Was würden wir sagen, wenn jemand, der für ein Atomindustrie-Blatt schreibt, in unabhängigen Medien über das gleiche Thema schreiben würde? Und gar noch mit umstrittenen, atomfreundlichen Thesen auffiele? Ist man wirklich eine „Kollegensau“, wenn man kritische Fragen stellt wie die folgende: Kann man glaubwürdig in der Rolle des unabhängigen Berichterstatters über einen Konflikt schreiben, wenn man gleichzeitig bis vor kurzem Geld bekommen hat von einem Propagandamedium des Konfliktauslösers, der ja bei den diesem Konflikt seine Medien bewusst als Teil der Aggression einsetzt?
    Und warum setzt der „Spiegel“ seine Kooperation mit dem Moskauer Hetzblatt „Profil“ fort, das Kollegen übel beschimpft?

    Gerade in unserem Beruf ist maximale Transparenz und Problembewusstsein notwendig.

    Die Richtlinien des Presserats zu solchen Interessenkonflikten sind schwammig und biegbar. Sie werden den Anforderungen unserer Zeit nicht gerecht. So wies der Presserat etwa eine Beschwerde von Pussy Riot gegen den FAS-Bericht zurück – aus Gründen, die schwer nachvollziehbar sind und m.E. auch nicht transparent wurden.
     
  3. Kremlkritische Journalisten sind Psychoterror ausgesetzt:  Viele Kollegen berichten von einer ganzen Welle von Beschimpfungen und Hasstiraden bis hin zu Todesdrohungen, vor allem im Internet. Unsere Justiz, die auf Wunsch selbst das „Vogel-Zeigen“ im Straßenverkehr verfolgt, will oder kann sich damit nicht auseinandersetzen: So wurden die Ermittlungen wegen Hassmails  von Putin-Unterstützern etwa in meinem Fall sang und klanglos eingestellt. De facto ein Freibrief für Psychoterror, ein fatales Signal.

    Viele Redaktionen kennen das Problem, halten bislang aber weitgehend still. Vielleicht will man nicht als Hasenfuß dastehen. Aber der Psychoterror setzt vielen zu; bei manchen Kollegen geht es so weit, dass sie sich überlegen, das Fachgebiet zu wechseln. Auch ich hatte und habe diese Gedanken immer wieder. Wenn Journalisten nicht mehr angstfrei über ein Land oder Thema berichten können, darf das nicht verschwiegen werden. Zumindest die Journalistenverbände (djv, dju) und Fachmedien (Journalist, MediumMagazin, meedia, turi2 etc.) müssen das Thema aufgreifen. Wer etwas tun will, kann sie anschreiben – die Kontaktdaten stehen unten.


    WDR-Reporter Stephan Stuchlik wird in Petersburg von Polizisten attackiert.
     
  4. Ein aggressives politisches System, das auf Propaganda setzt, stellt unsere journalistischen Regeln vor enorme Herausforderungen. Denn diese sind auf "Schönwetter" ausgerichtet. M.W. hat das bisher nur die Neue Züricher Zeitung thematisiert.

    Der Newsticker-Journalismus, der schön brav jedes Zitat von jeder Seite weitergibt wie einen Fakt, und die Einerseits-andererseits-Methode werden der neuen Situation nicht gerecht. Unschuldsvermutungen im Umgang mit Diktaturen sind eine Kapitulationserklärung des Journalismus. Wer russische Propaganda unkommentiert wiedergibt, wie das oft geschieht, lässt sich zum Handlanger machen. Aus lauter Angst, ein Urteil zu fällen und sich damit angreifbar oder – schlimmer noch – verantwortlich zu machen, wird oft die Selbst-Kastration als Ausweg gewählt. Der Hang zu Äquidistanz führt in die falsche Richtung. «Fox news“ ist eben nicht gleich Kremlpropaganda, Radio Free Europe nicht gleich «Russia Today». Da wird mit anderen Standards gearbeitet, wie die unzähligen plumpen und bösen Fälschungen in den Kreml-Medien zeigen. Die russischen Medien beschreiben eben nicht nur die russische Seite des Konflikts, sondern sie erfüllen im Rahmen der Kremlstrategie zur Destabilisierung der Ukraine einen Propaganda-Militärischen Auftrag. Die Mitarbeiter dort sind eben keine Journalisten mehr, sondern Täter der russischen Aggression. Und genau deswegen wurden mehr als 300 von Ihnen von Putin für ihre Rolle in der Krim-Krise mit Orden ausgezeichnet. Darauf müssen wir zumindest aufmerksam machen, wenn wir russische (Staats-)Medien zitieren.
 


Links zum Thema:
Korrespondentenschwund in Russland: Berichte aus zweiter Hand - taz.de
Das „Handelsblatt“ schließt sein Büro in der russischen Hauptstadt. Damit liegt es im Trend, denn deutsche Zeitungen sparen Personal ein.

Stolz verkündet die "Zeit", dass im Laufe des Jahres gleich zwei neue Korrespondentenbüros in Rio und Beirut eröffnet werden sollen. Im Gegenzug werden jedoch die Büros in Istanbul und Moskau geschlossen."

Wie unberechenbar Weltpolitik doch sein kann, erlebt im Moment nicht zuletzt Bernd Ulrich.
Vor gut einem Jahr hatte der Leiter des Politikressorts der Zeit Russland an dieser Stelle noch "eine Schein-Weltmacht" genannt. Das Land sei unter Wladimir Putin "quasi eingefroren".Ulrich verzichtete fortan auf einen festen Korrespondenten in der Region.

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