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Wie das Wetter Revolution macht
Moskau, 21.2.2014


In normalen Zeiten gilt die Internet-Seite newsru.com als Oase der Pressefreiheit in Russland. Sie ist eines der letzten Überbleibsel vom Medium-Imperium des Putin-Gegners Wladimir Gussinski, und speichert alle Inhalte auch in den USA – um sie vor dem Zugriff des Kreml zu schützen. Doch jetzt ließ sich auch newsru.com von der Stimmung in den russischen Medien anstecken: „Im Zentrum Kiews wird eine Anti-Terror-Aktion durchgeführt“, hieß die Schlagzeile des Internetportals, als in der ukrainischen Hauptstadt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten kam.

Moskaus Propaganda-Maschine läuft auf Hochtouren. Wer sich wie die meisten Menschen in Russland nur in den großen Fernsehsendern und Zeitungen informiert, für den ist die Lage in Kiew eindeutig: Ein Haufen rechter und faschistischer Chaoten aus der Westukraine versucht einen bewaffneten Putsch. Organisiert und finanziert wird der Aufstand von den Vereinigten Staaten. Dazu zeigen die Sender Interviews mit angeblichen Demonstranten, die behaupten, sie seien bezahlt worden für ihren Protest.  «Enthüllungen“ dieser Art sind im russischen Staatsfernsehen  immer zu sehen, wenn Menschen auf der Straße ihren Unmut äußern, auch bei den Demos gegen Wahlfälschungen im eigenen Land 2011 und 2012. 

Schon die Sprachwahl der russischen Medien ist bezeichnend: Da ist von „„Anti-Terror-Einsätzen“ und „Operation gegen Extremisten“ die Rede, wenn Polizeieinsätze gemeint sind; statt von „Demonstrationen“  ist von „Unruhen“ die Rede, die Protestierenden laufen unter dem Begriff „Pogrom-Anstifter“. Viele Moskauer Fernsehreporter berichten aus dem Zentrum der Millionenstadt Kiew im gleichen kühlen, technokratischen Stil wie früher von der Front in Tschetschenien: „Seit zwölf Stunden wird auf dem Maidan die Spezialoperation der Sicherheitskräfte durchgeführt, die schon am Vortag abends den Unabhängigkeitsplatz in Umzingelung genommen und die Barrikaden sowie Zeltstädte belagert haben“, berichtet Korrespondent Airat Schawalijew mit emotionsloser Miene in die Kamera  des Gasprom-Senders NTW.

Für die Anti-Terror-Operation in der Ukraine könne jetzt auch das Militär herangezogen werden, sagt  der Nachrichtensprecher im russischen „Ersten“ – in einem Tonfall, als sei er erleichtert. Kein Wunder, denn, so erzählt er weiter,  es gebe „Morde, Brandstiftungen, Überfälle, Pogrome, Überfälle auf Polizei-, und den Geheimdienst-Gebäude, aus denen die Pogrom-Anstifter Hunderte Gewehre und Zehntausende Schuss heraustrugen.“  Es folgt eine Schaltung vor Ort:  „Der Widerstand hat keine Minute aufgehört, erst am Morgen gelang es, die Barrikaden zu beseitigen, mit Hilfe von Panzerwagen”, erzählt ein Reporter im Aufregungs-Stakkato des Staats-TVs. Schuld an allem, heißt es weiter, sei die Nachsicht der westlichen Politiker, die den „Straßen-Radikalen“ grünes Licht gegeben und die Regierung dabei gestört hätten, wieder Ordnung herzustellen. „Das Blut, das geflossen ist, klebt an den Händen des Vertreter des Westens“, ereifert sich der von Putin neu ernannte Chef-Propagandist Dmitrij Kiseljow.

Bei einer Liveschaltung nach Kiew am Donnerstag fragte der Moderator im „Ersten“-Kanal: „Kann man neue Versuche erwarten, die Extremisten vom Maidan zu verdrängen?“ In der Reportage sind dann Aufnahmen zu sehen, die angebliche Scharfschützen der Opposition im Hotel Ukraine beim Schießen auf Polizisten zeigen. Warum diese ausgerechnet vor russischen Kameraleuten posieren sollten, wird nicht erklärt. Dann werden Verwundete gezeigt, die laut Kommentar Polizisten sind. Sie klagen, die Protestierenden seien bewaffnet, würden die Ordnungshüter provozieren und angreifen: „Da sind viele Drogenabhängige, und Alkoholiker, wir haben keine Waffen bekommen, und diese Missgeburten haben auf uns geschossen wir auf Hühner“. Ein Polizist in Maske erzählt: „Diese Leute sind nicht adäquat, Idioten, oder unter Drogen, sie laufen los, schießen, aus Kalaschnikows, aus allem, Hauptsache Morden.“ Als Konsequenz habe die Polizeiführung ihren Beamten Waffen zur „Selbstverteidigung“ gegeben, heißt es dann weiter. Dann werden Bilder gezeigt, in denen Polizisten in Kampfuniformen schießen – und der Kommentator sagt, es handle sich dabei um Oppositionskämpfer, die als Polizisten verkleidet seien.

Selbst Meteorologen mussten an die Propagandafront. Der Wettermann Wadim Sawodchenkow erklärte die Proteste in der Ukraine mit Klimaveränderungen. Sie hätten am gleichen Tag begonnen wie die Orangene Revolution 2004 – in einer Phase des Übergangs zwischen den Jahreszeiten. Unterstützung für diese These bekam er von Michail Gordejew, dem Rektor des Instituts für Psychotherapie und klinische Psychologie in Moskau: „Starke Temperaturwechsel sind ein Stressfaktor. Die können zu aggressiven Ausfällen und rechtswidrigen Handlungen führen“, erklärte der Seelendoktor das Geschehen in der Ukraine.

Die Botschaft ist klar: Demonstrationen sind das Ergebnis psychischer Probleme. Auslöser der Proteste sind nicht etwa Unmut der Bürger über die kleptokratische Autokratie und Rechtlosigkeit,  sondern ausländische Agenten. Der Grund für solche Propaganda-Parolen: Die Bilder aus Kiew wecken bei Putin und seinen KGB-Genossen im Kreml Erinnerungen an die Proteste im eigenen Land 2011 und 2012. Obwohl die friedlich verliefen, versetzten sie die Kreml-Herrscher in Panik, bis sie – auch wegen der Unfähigkeit der Opposition - im Sande verliefen. Die Angst, dass der Protest-Funken aus der benachbarten Ukraine überspringen könnte, sitzt tief.  Offenbar sogar tiefer als Putins Traum, als „Wiedervereiniger der russischen Erde“ in die Geschichte einzugehen - wozu er zuerst die Ukraine wieder ans „Mutterland“ binden müsste. Mit dem Land, das immerhin doppelt so groß ist wie Italien und viermal so viele Einwohner hat als Belgien, stehen und fallen Russlands geopolitische Ambitionen in   Osteuropa. In den Augen der russischen Elite ist die Ukraine immer noch der unfolgsame, pubertierende Sohn, der nicht in den Schoß der Familie zurück will – aber alleine nicht überlebensfähig ist.

Dabei gehen selbst moskaufreundliche Ukrainer auf emotionale Distanz, wenn sie heute das russische Fernsehen anschalten – und dort etwa hören, wie Sergej Dorenko, einer der bekanntesten und berüchtigtsten Journalisten in Russland, über sie höhnt: „Stellt euch vor, die EU würde die Mongolei aufnehmen. Würden die Mongolen dadurch Europäer? Wenn ihr in die EU kommt, werden Ihr dadurch Deutsche? Nein.  Das Beste, was euch geschehen kann, ist, dass über jedem Ukrainer ein Deutscher mit einer Peitsche stehen und schreien wird 'Arbeiten, schneller, schneller!'"

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