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«Juden provozieren Holocaust»
Moskau, 14.6.2014


„Kann man die Juden für den Holocaust verantwortlich machen? Es stellt sich heraus – ja, man kann“ - „Die Juden provozieren einen zweiten Holocaust“ – das sind Zitate aus dem staatlichen russischen Fernsehsender Rossija 1. In der Talkshow „Sonntagabend“ erörterten dort zur besten Sendezeit ein Star-Moderator mit einem prominenten Gast das Thema Juden und Holocaust in einer Weise, die einem den Atem im Mund gefrieren lässt. Ein Stenogramm der schlimmsten Passagen habe ich übersetzt (Gefällt-Knopf wird umgewidmet in ein Zeichen gegen das Vergessen und Schweigen).

Wladimir Solowjow, Moderator, einer der Lieblinge der Propaganda-Maschine: „Was ich mit Schrecken sehe, ist, dass die Juden, ein Volk, das so viel gelitten hat im zweiten Weltkrieg, den Holocaust überlebte, zu dem auch ich gehöre, jetzt leider in der Ukraine eine schreckliche, tragische Rolle spielen. Wenn der „Rechte Sektor“ und „Swoboda“ vom gleichen Mann finanziert werden, der die großen jüdischen Organisationen finanziert, Kolomojskyj, dann entdeckt man eine schreckliche Parallele, das ist der ewige Kampf der Juden zwischen den göttlichen Geboten und dem goldenen Kalb. Und wir sehen, was mit den Juden passiert, die das goldene Kalb wählen, wie Kolomsokij und andere jüdische Oligarchen, die in der Ukraine ein faschistisches Regime geschaffen haben, die mein Volk verraten, die diejenigen finanzieren, die morden. Was kann man da machen?“

Die Antwort von Alexander Prochanow, Nationalist, Extremist, Antisemit, und in dem Medien allgegenwärtig: „Das Weltjudentum hat sich in zwei Teile geteilt. Es sind völlig unerwartet, glänzende jüdische Anti-Faschisten entstanden, mit brennendem Wortschatz…. Die Juden (- er macht einen leicht angewiderten Gesichtsausdruck), die die jüdische Hundertschaft auf dem Maidan betrunken machen, provozieren einen zweiten Holocaust, eine schreckliche Katastrophe, über die man vorgestern noch gar nicht sprechen konnte, mit einem normalen Juden. Erst kürzlich stellte ein jüdischer Kanal eine Frage: Kann man die Juden für den Holocaust verantwortlich machen? Es stellt sich heraus – ja man kann. Juden, die verrückt geworden sind, voll von Hass gegen Russland, Liebe zum Geld, Treue zu ihrer amerikanischen Zentrale, sie provozieren einen zweiten Holocaust. Diese Jungs vom Maidan, sie werden doch keine Rabbiner umarmen, sie werden sie umbringen!“

Die Sendung lief im Mai; da sie bislang in Deutschland m.W. nicht bekannt ist, halte ich es dennoch für wichtig, publik zu machen, was dem russischen Fernsehzuschauer zur besten Sendezeit von denjenigen vorgesetzt wird, die sich selbst als Vorkämpfer gegen den Faschismus ausgeben.

Original-Mitschnitt der entsprechenden Stelle (russisch), ab Minute 3.30 folgen dann antijüdische Hetzszenen, die nicht aus der entsprechenden Sendung stammen:
https://www.youtube.com/watch?v=zRTs48ZwekE&sns=fb
Text zu der Sendung:
http://help.rjc.ru/site.aspx?SECTIONID=2191770&IID=2586803
sowie in der Zeitung Prochanows, Savtra – für alle, die Zweifel an der Authentizität haben
http://zavtra.ru/content/view/na-nashih-glazah-vershitsya-istoriya/



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Invasion jetzt umgekehrt - ukrainische Panzer sind über die Grenze nach Russland gerollt! Das ist keine Satire, sondern der Eindruck, der entsteht, wenn man flüchtig auf die Seite von lifenews sieht, einem russischen Internet-Nachrichtendienst mit großer Reichweite und Nähe zu den Geheimdiensten. Wenn man dann genauer hinblickt, entpuppt sich der angenommene Einmarsch als eine angebliche Grenzüberschreitung von zwei Infanterie-Fahrzeugen. Eines davon blieb laut lifenews 150 Meter hinter der Grenzlinie kaputt liegen, seine Besatzung soll sich mit dem zweiten Wagen zurück in die Ukraine gerettet haben – dabei sei die Waffe des zweiten Wagens auf die herbeieilenden russischen Grenzsoldaten gerichtet wurden: Die Grenzer hätten die Ukrainer deshalb „nicht in Kriegsgefangenschaft“ (!) nehmen können.

Das Außenministerium in Moskau sprach von einer „Provokation“, die den Friedensprozess erschwere: Es handle sich um eine „schwere Verletzung der Grundlagen des Völkerrechts“.

Es gibt drei Erklärungsmöglichkeiten:
1.) Die Ukrainer haben sich verfahren. Das wäre eine Grenzverletzung, wenn auch eine geringfügige, insbesondere wenn man berücksichtigt, wie oft sich Moskaus Militär „verfährt.“
2.) Der Vorfall wurde inszeniert. So könnte es sich etwa um einer „Propaganda-Blendgranate“ handeln: Man versucht so viel „Nachrichtenlärm“ zu erzeugen, dass wirkliche Nachrichten untergehen und nicht mehr wahrgenommen werden – Taktik des KGB und der Sowjet-Propaganda seit Jahrzehnten.
3.) Es handelt es sich wieder einmal um „Projektion“, also Übertragung eigenen Verhaltens auf ein Gegenüber.

Auf die Meldung bin ich gestoßen, weil ich Berichte hier auf facebook verifizieren bzw. widerlegen wollte, wonach lifenews vom Abwurf einer Atombombe durch die Ukraine in der Ostukraine berichtet haben soll. Wenn solche Sachen leichtfertig verbreitet werden, spielt das der Propaganda-Maschine nur in die Hand – weil man dann immer darauf verweisen kann, die Gegenseite sei auch nicht besser.

Link auf den Artikel (russisch): http://lifenews.ru/news/134965

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Die Existenz der Kreml-Trolle im Internet ist jetzt amtlich. Einer der Drahtzieher der bezahlten Kommentare hier, in anderen Netzwerken und Medien hat jetzt eingeräumt, dass die vor zwei Wochen "geleakten" und hier auf der Seite übersetzten Unterlagen echt sind, die Details über ihre Arbeit enthüllen (siehe http://tinyurl.com/kremltroll). Über ein entsprechendes Gespräch mit dem Geschäftsführer der "Agentur zur Analyse des Internets" schreibt heute die Süddeutsche Zeitung in einem großen Bericht über "Putins bezahlte Trolle" - und die Schwierigkeiten unserer Gesellschaft im Umgang mit ihnen. Vor einigen Wochen wurde man noch oft als Verschwörungstheoretiker verlacht, wenn man das Thema ansprach. Endlich ist das Thema in den großen Medien angelangt, und die Internet-Waffe des Kreml verliert damit ihre Durchschlagkraft. '

Weiteres Zitat aus dem bemerkenswerten Bericht:

"Bezahlte Kommentatoren könnten relativ kurzfristig über Anzeigen in Online-Jobbörsen mobilisiert werden, berichtet eine leitende Mitarbeiterin einer PR-Firma in Moskau der Süddeutschen Zeitung. Die Frau, die auch Aufträge von staatlichen Stellen bekommt, will nicht, dass ihr Name oder der ihrer Firma veröffentlicht wird. Kommentare in Fremdsprachen seien für ihre bezahlten Kommentatoren kein Problem, ist sie überzeugt: "Die Sprachausbildung an unseren Hochschulen ist gut, das fällt nicht auf", sagt sie. Bezahlt werden die Trolle in der Agentur nach Leistung: Jeder Blog-Eintrag oder Kommentar wird fotografiert, danach wird abgerechnet."

Zitiert wird auch der Politikberater Simon Anholt, ein Experte für das Image von Staaten: "Regelmäßig bekomme er Einladungen aus Russland, sagt er. Wissenschaftler dort beschäftigten sich intensiv damit, wie öffentliche Meinung manipuliert werden kann. Laut einem Bericht der Zeitung Kommersant hat der Kreml gerade Forschungsaufträge mit einem Volumen von umgerechnet einer Million Euro ausgeschrieben, die unter anderem klären sollen, wie in anderen Ländern das Wahlrecht eingeschränkt wird, wie soziale Netze die öffentliche Meinung beeinflussen und wie man das Internet besser steuern kann. Es sei ein Irrtum, sagt Anholt, dass das Internet als freier Kommunikationsraum automatisch zu mehr Freiheit führe: "Weil es frei ist, ist es eben nicht immun gegen Manipulationen. Soziale Medien können gehackt und manipuliert werden. Und der Westen hat darauf keine Antwort.""

Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/politik/propaganda-aus-russland-putins-trolle-1.1997470-3
Und ein weiterer Artikel zum Thema:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-krise-rossiya-segodnya-verbreitet-prorussische-propaganda-a-974823.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=https://m.facebook.com

Und weil man immer dann schreit, wenn einen etwas trifft, gibt es auch schon Propaganda-Gegenwehr: http://propagandaschau.wordpress.com/2014/06/13/premium-propaganda-eines-bezahlten-sz-trolls/

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Chodorkowski: Putin hat "nach der großen Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre zu Beginn des neuen Jahrtausends entschieden, dass Korruption als Kontrollmechanismus das tragende Prinzip in Russland sein solle - und das im Übrigen auch das Prinzip von Putins Außenpolitik sei. Er habe sich gegen eine offene und für eine geschlossene Gesellschaft entschieden. Doch dies könne auch wirtschaftlich auf Dauer nicht funktionieren. Deshalb werde es in einigen Jahren entweder einen Zusammenbruch oder ein streng nationalistisches, faschistisches Regime mit folgendem Kollaps geben. Doch ähnlich wie für die Ukraine, gebe es auch für Russland immer auch einen Ausweg. "Entweder wir bringen ihn selbst zustande, oder es wird ihn nicht geben."

Link zum Interview:
http://www.dw.de/chodorkowski-ukraine-muss-für-ihre-souveränität-kämpfen/a-17702249

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Die (pro-)russischen Militärs in der Ostukraine greifen "auf alle Mittel illegitimer Herrschaft zurück, auf Terror gegen politische Gegner, die willkürlich verhaftet, teilweise gefoltert oder getötet wurden, auf die Inhaftierung fremder Beobachter (OSZE), die Verfolgung und Ermordung ausländischer Journalisten, auf die Plünderung von Nahrung, Wasser, Munition, Wertobjekten."

Der Soziologe Wolfgang Sofsky, von dem einige exzellente Betrachtungen zum Ukraine-Konflikt (und seiner Verdrängung in Deutschland) stammen, hat eine ebenso bemerkenswerte wie erschütternde Analyse zur militärischen Situation in Slawjansk geschrieben. So traurig es ist, am Anfang der 21. Jahrhunderts solche militärischen Betrachtungen zu lesen - so notwendig ist es leider auch. Unter anderem befaßt sich Sofsky ausführlich mit dem Dilemma, vor dem die ukrainischen Militärs durch die entstandene Situation stecken: "Jeder tote Zivilist wird ihnen zugerechnet, denn in der Konstellation der Belagerung sind es die Angreifer, die Not, Elend, Hunger und Gewalt in die Stadt bringen."

Weitere Zitate: "Wie hoch die Kampfmoral der prorussischen Verteidiger letztlich ist, erscheint ungewiß. Die russischen Spezialkräfte verfügen über das Elitebewußtsein professioneller Soldaten. Viele Paramilitärs haben eine biographische Entscheidung getroffen, als sie zu den bewaffneten “Rebellen” stießen. Die seltene Erfahrung unangefochtener Macht im eigenen Binnenraum wirkt wie ein Narkotikum....Das Feindbild ist klar und unverrückbar. Die Sezessionisten agieren in einer Situation des Alles oder Nichts."

Link zum Artikel:
http://wscaprichos.wordpress.com/2014/06/11/slowjansk-belagerungskrieg/


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In Erstellung.Jetzt ist es amtlich: Die Krim-Annexion war erst der Anfang. Russlands Vize-Premier Rogosin twitterte heute: Es sei nach dem Zerfall der Sowjetunion jetzt "Zeit, die Teile einzusammeln".

Das sind die Momente, in denen man sich besonders freuen sollte, kein Putin-Unterstützer zu sein: Fast jede Verteidigungslinie, die Schröder und Konsorten ausheben, wird von ihren eigenen Genossen mit gewaltigem Krachen durchbrochen. Sie stehen dann mit argumentativen Trümmern um die Ohren da.

Wenn Rogosin so was sagt, bedeutet es nicht, dass Putin es tun wird. Aber es zeigt, dass es eine Option ist. Und so, wie wild die Kreml-Propaganda im russischen TV die Kriegstrommeln schlägt, muss man schon eher naiv oder blind und taub sein, um an eine baldige Friedenslösung zu glauben.

Den Tag für seine Ankündigung hat Rogosin passend gewählt: den 12. Juni. Er ist Staatsfeiertag, zu Ehren der "Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1990." Paradoxer geht es kaum noch: Putin sieht den Zusammenbruch der UdSSR als die "größte geopolitische Katastrophe" - und läßt sie gleichzeitig feiern. Unabhängigkeit von was? Vom eigenen imperialistischen Anspruch? Na der ist ja wieder da!

Rogosin, berüchtigt als Putin "Kurzstrecken-Rakete", hat sich erst vor kurzen für die Rückbenennung Wolgograds in Stalingrad eingesetzt. Rumänien drohte er nach einem Überflugverbot im Mai, beim nächsten Mal komme er mit einem Langstreckenbomber.

Interessant ist, dass Rogosin noch vor einigen Jahren schrecklich über Putin wetterte - ich erinnere mich an ein gemeinsames Mittagessen, bei dem er klang wie Garry Kasparov. Er warf dem Kreml-Chef damals mangelnden Patriotismus und Ausverkauf russischer Interessen vor. In hohem Amt und Würden mit Staatsdatsche und Blaulicht-Limousine (made in Germany) sieht man das offenbar entspannter.

Quellen:
https://twitter.com/DRogozin/status/476984803200221184
http://www.twitlonger.com/show/n_1s23rf6
https://twitter.com/Rogozin/status/476962746777751552
http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-vize-premier-rogosin-will-teile-der-sowjetunion-einsammeln-a-974821.html

 

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