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Der Tod darf nicht stören
17.11.14


Den Familien der im Donbass gefallenen russischen Soldaten wird erklärt, dass sie den Staat nicht bei der "Entscheidung wichtiger Aufgaben" stören dürfen.

Von Lew Schlosberg (Übersetzung: Martina Steis)

Warum hat die russische Militärführung begonnen, die Soldaten, die in den Krieg in der Ukraine geschickt werden, sorgfältiger auszuwählen; wird es in Russland Soldatenaufstände und Proteste der Angehörigen der im Donbass Gefallenen geben; unter welchen Umständen kann Putin ersetzt werden und warum unterstützt ihn derzeit ein Großteil der russischen Gesellschaft? Darüber hat Lev Schlosberg, russischer Oppositionspolitiker, Mitglied der vereinigten demokratischen Partei Jabloko, Abgeordneter der Pskover Gebietsversammlung in einem Interview mit Zensor.net gesprochen.
 
Am 25. August hatte die Zeitung "Pskover Gгouvernement", deren Direktor Lev Markovitch [Schlosberg] ist, als erste die Information über geheime Beerdigungen von Soldaten veröffentlicht; über die Beerdigungen von Leonid Kitchatkin und Aleksandr Osipov, Zeitsoldaten der 76-sten Garde-Feldjäger-Sturm-Division, die in der Ostukraine gefallen sind.
Einige Tage später wurde Schlosberg von Unbekannten zusammengeschlagen, wobei er ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Nasenbruch und andere Verletzungen erlitten hat.
Unser Gespräch kann nicht einfach genannt werden - Lev Markovitch hat all meine Erwartungen auf Massenproteste von Angehörigen russischer Soldaten, die im Donbass gefallen sind, abgekühlt. Nach seinen Worten sind heute derartige Aktionen in Russland praktisch unmöglich.
Die Leute werden vorher darauf hingewiesen, dass sie an einer geheimen Militäroperation teilnehmen
  • Lev Markovitch, bereits seit über einem Monat gibt es weder von russischen Oppositionspolitikern noch Aktivisten der Zivilgesellschaft neue Daten zu russischen Soldaten, die im Donbass kämpfen oder gefallen sind. Woran liegt das?
Es gibt nicht mehr Informationen als Anfang September. Es ist bekannt, dass die Einheiten rotieren. Ich denke, dass der Faktor, dass die Kriegshandlungen im Sommer plötzlich begonnen haben, als die Information über den Krieg in der Ukraine sich spontan und aktiv verbreitet hat, auf der politischen und militärischen Führungsebene berücksichtigt worden ist. Es sieht so aus, als gäbe es eine härtere persönliche Kontrolle.          
D.h., dass sich eine solche Situation, wie es sie Mitte August gab, nicht wiederholen wird, als Armeeangehörige zu angeblichen Manövern geschickt und betrogen wurden und erst nach dem Passieren der Staatsgrenze erfahren haben, woran sie teilnehmen . Jetzt wissen die Soldaten, die in die Ukraine geschickt werden vorher, wohin und warum sie fahren.
Wenn jemand sich kategorisch weigert, kann es sein, dass er in Ruhe gelassen wird. Das betrifft insbesondere Zeitsoldaten.
Die Leute werden vorher darauf hingewiesen, dass sie an einer geheimen Militäroperation teilnehmen, über die nicht öffentlich geredet werden darf. Außerdem kann es sein, dass die Soldaten eine Verschwiegenheitspflichterklärung unterschreiben.
 
  • Und was ist mit den Gefallenen? Die Tatsache, dass es viele tote Soldaten gibt, ist doch schwieriger geheim zu halten.
 
Aktuell ist die genaue Zahl der Soldaten, die in der Ukraine gefallen sind, unbekannt. Es gibt keine Statistik dazu. Deswegen können wir nicht sagen, wie groß die Verluste sind, wir können es nur vermuten.
Wie viele Familien weiterhin ihre verschollenen Angehörigen suchen, ist ebenfalls nicht bekannt. Es ist wahrscheinlich, dass all diese Familien bereits von Vertretern der Armeeführung kontaktiert wurden. In den Fällen, wenn die Verwandten am Leben sind und verwundet in Krankenhäusern liegen, hat man Kontakte zugelassen. Falls der Soldat gefallen ist, findet eine individuelle Arbeit mit den Verwandten statt, bei der die Besonderheit der politischen Situation erklärt wird sowie die Notwendigkeit, dass der Staat beim „Entscheiden wichtiger Aufgaben“ nicht gestört werden darf.
Diese Gespräche werden von Propaganda gestützt, die unaufhörlich im Fernsehen läuft. Leider sehen immer noch über 90 % der Bevölkerung Russlands fern.
Demzufolge befindet sich ein bedeutender Teil der russischen Gesellschaft in vollkommener Unkenntnis dessen, was tatsächlich passiert, über die Rolle Russlands in diesem Krieg, und glaubt, dass die Kriegshandlungen in der Ukraine ein Bürgerkrieg zwischen dem Osten und Westen des Landes seien. Ich denke, dass es noch recht lange Zeit keine detaillierten Informationen über die Ereignisse in der Ukraine und die Beteiligung der russischen Armee geben wird; es sei denn, die Information kommt von ukrainischer Seite. Tatsachen, die dem Umfang der Geschehnisse gerecht werden, werden später öffentlich werden. Wann – das lässt sich jetzt nicht sagen. Das kann zu Putins Zeiten sein oder ebenso gut nach ihm.
 
  • Aber dennoch, russische Menschenrechtsorganisationen, insbesondere das Komitee der Soldatenmütter, nennen ungefähre Zahlen der in der Ukraine gefallenen russischen Soldaten.
Ich habe keinen ständigen Kontakt zum Komitee der Soldatenmütter, ich kenne Frau Elena Vasilieva nicht. Ich kenne Ella Michailovna Poljakova, die Vorsitzende des Komitees der Soldatenmütter St.Petersburg persönlich und habe großen Respekt vor ihr; sie ist eine der stärksten und bemerkbarsten Vertreterinnen aus dem Bereich Menschenrechtsorganisationen, die sich um den Schutz der Rechte von Armeeangehörigen kümmert.
Ich kann die Tätigkeit dieser Organisationen in dem Bereich, der mir unbekannt ist, nicht bewerten. Insgesamt kann ich sagen, dass ich diesen Organisationen vertraue. Ich bin davon überzeugt, dass Ella Poljakova nur dann Sachen öffentlich macht, wenn dahinter Beweise und tatsächliche Ereignisse stehen.
Wenn wir Informationen erhalten, die von Bedeutung für die Gesellschaft sind, werden sie ebenso veröffentlicht werden, wie wir das im August und September getan haben. Ein Beispiel: Wenn ich von der Militärstaatsanwaltschaft eine Antwort auf meine Anfrage zu dem Schicksal der zwölf russischen Soldaten, die zu Beginn der Kriegshandlungen zwischen Russland und der Ukraine sicher im Pskover Gebiet gedient hatten – bei der Fallschirmjäger-Sturm-Division und in der Brigade der Sondereinheit -  erhalte, dann veröffentliche ich das. Andere Daten, die es natürlich gibt, aber nicht hinreichend bestätigt sind, werden nicht veröffentlicht, weil ich es für falsch halte, Informationen zu verbreiten, für die es keine belastbaren Beweise gibt.
Von außen ist der Eindruck vielleicht etwas schief, dass es in Russland eine Gemeinschaft von Menschen gäbe, die sich mit der Aufklärung der Ereignisse an der russisch-ukrainischen Front beschäftigen. Tatsächlich gibt es eine solche Vereinigung nicht, das muss man zugeben. Die Menschen, die versuchen etwas in dieser Situation zu unternehmen treffen ihre Entscheidungen individuell – was und wie sie tätig werden können.
Putin erfüllt die Hoffnungen etlicher Millionen Menschen, die das Imperium zurück haben wollen
  • Im September tauchten in der Presse Gerüchte und einzelne erklärungen von Menschenrechtlern darüber auf, dass Proteste von Angehörigen gefallener Soldaten in Vorbereitung seien. Allerdings ist davon heute nichts zu sehen. Waren das also nur Gerüchte?
In Russland herrscht eine Atmosphäre der Angst und Psychose, viele Menschen haben Angst um ihr Leben. Eine derart große Resonanz wie der Überfall auf mich ruft nicht jeder Überfall auf einen Menschen hervor. Ein einfacher Mensch, der nicht in der Öffentlichkeit bekannt ist, kann einfach erschlagen werden und davon wird niemand außer den verwandten erfahren.
Deswegen sind Familien, die sich sogar um Hilfe an das Komitee der Soldatenmütter wenden, nicht damit einverstanden, dass dieser Kontakt öffentlich wird. Auch an mich haben sich Angehörige von Soldaten gewandt, die sich in der Ukraine befinden: Wie sollen wir uns verhalten, wie mit der Führung der Einheit reden, sollen wir uns an die Militärstaatsanwaltschaft wenden? Aber dabei haben sie darum gebeten, nichts über ihr Hilfeersuchen verlautbaren zu lassen. Und wir haben die Situation nicht-öffentlich besprochen, ich habe nirgends diese Menschen identifizierbar gemacht.
Deswegen denken Sie nicht, dass tausende Familienmitglieder von Armeeangehörigen auf die Straße gehen werden um zu protestieren und Menschenrechtsorganisationen mit Hilfeersuchen überschüttet werden. Die Menschen denken zuerst an ihre eigene Sicherheit und die Sicherheit ihrer Nächsten. Wenn wir etwa über die Offiziere und Zeitsoldaten sprechen, so leben diese innerhalb ihrer eigenen Kreise. Sie können nicht aus dieser Gemeinschaft ausbrechen. Es gibt auch materielle Aspekte. Zum Beispiel zahlt das Verteidigungsministerium für die Familien, bei denen die speziellen Hypotheken für Armeeangehörige noch nicht getilgt sind. Falls das Ministerium aufhört, die Hypotheken zu bedienen, stehen die Leute ohne Wohnraum da und müssen gezwungenermaßen mit ihren Kindern auf die Straße. Und das verstehen sie sehr wohl.
 
  • Es macht pessimistisch, Ihre Erklärung zu hören; wir in der Ukraine hatten tatsächlich solche Proteste erwartet…
Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch. In dieser Situation hatte ich weder von den Angehörigen noch von den Machthabern etwas erwartet. Informell ist eine De-Facto-Entscheidung über die Beteiligung russischer Militäreinheiten an den kriegerischen Handlungen auf dem Gebiet der Ukraine getroffen worden; sie ist existent und wird umgesetzt. Für die Umsetzung dieser Entscheidung werden jetzt die Beteiligten sorgfältiger ausgesucht. Die russischen Staatsbürger, die in diesen Krieg ziehen, wissen, dass sie im Donbass kämpfen werden und nicht zu Manövern im Rostower Gebiet unterwegs sind. Sie sind bereit für den Krieg, auch psychologisch. Solche Armeeeinheiten sind unter Kriegsbedingungen leichter zu führen. Natürlich ziehen sie nicht mit Begeisterung in den Krieg gegen die Ukraine. Wenn man berücksichtigt, dass eine hinreichend große Zahl von Menschen in Russland, darunter auch Armeeangehörige, derzeit die Ukraine für Russlands Feind Nummer Eins halten und nach genügend Fernsehkonsum denken, dass in der Ukraine eine „faschistische Bande, eine „Junta“ u.s.w. an der Macht ist, dann erscheint ihnen die Entscheidung über eine mögliche Teilnahme an Kriegshandlungen durchaus logisch. Das ist für sie nicht inakzeptabel. Dementsprechend ändert sich die Haltung zu den Kriegshandlungen und den daraus resultierenden Verlusten – das sind keine plötzlichen Verluste, sondern erwartete, sogar eingeplante. Das ist ein Krieg und was vom Krieg zu erwarten ist, weiß das Volk.
 
  • Warum ist eine derartige Böswilligkeit der russischen Gesellschaft gegenüber der Ukraine möglich geworden?
Die heutige Situation der Zwietracht zwischen Russland und der Ukraine, ja und der generell aggressive Zustand der russischen Gesellschaft sind nicht aus dem Nichts entstanden. Hypothetisch gesprochen: Wenn die aktuellen Handlungen Putins direkt am Anfang der 2000er Jahre unternommen worden wären, direkt nach dem Untergang der „Kursk“, hätte die russische Gesellschaft vielleicht härter reagiert und nicht zugelassen, dass er sich so verhält. Das ist ja nicht der zweite Tschetschenienkrieg, der auf dem Gebiet Russlands stattfand. Aber innerhalb von 15 Jahren hat Putin geplant und bewusst die Gesellschaft in einen solchen Zustand gebracht, bei dem die Mehrzahl anerkennt, dass der Staat das Recht, alles mit der Bevölkerung zu machen, auch sie zu töten.
Ein Teil der Gesellschaft vertraut Putins Handlungen tatsächlich in hohem Maß – er erfüllt die Erwartungen etlicher Millionen Menschen, die das Imperium zurückhaben wollen. Es gefällt ihnen, wenn die russische Armee auf das Gebiet anderer Staaten eindringt und sich fremdes Land aneignet. Das ruft bei ihnen ein Gefühl der Selbstachtung und Befriedigung hervor. Es kommt vor, dass die Angehörigen gefallener junger Männer sagen „Er ist doch Soldat, die Armee kämpft und erleidet Verluste“. Und damit ist für sie alles gerechtfertigt.
In der nächsten Zukunft wird die Gesellschaft nicht ausreichend oppositionell gegenüber Putin sein, um sich im erfolgreich politisch zu widersetzen. Eine andere Sache ist, das Putin eine Unzahl an Fehlern begangen hat und begeht; er ist ein sehr schlechter Staatslenker, er hat praktisch keine Ahnung von Marktwirtschaft. Als Ergebnis dieser Fehler verschlechtert sich die soziale und wirtschaftliche Situation unübersehbar. Wie die Erfahrung aus der Geschichte zeigt, zieht eine sich verschlechternde soziale und wirtschaftliche Situation wachsenden politischen Unmut nach sich. Worin sich dieser Unmut in Russland entladen wird – das ist die Frage. Das ist derzeit nicht absehbar, es gibt die unterschiedlichsten Entwicklungsszenarien für diese Situation, darunter auch sehr schlechte. Aber das ist ein Thema für ein anderes Gespräch.
 
Um die Figur Putins hat sich eine große Mehrheit gebildet, aber sie ist fragil und nicht ihm persönlich ergeben
  • D.h. alles liegt an Putin und seiner Umgebung?
Wladimir Putin ist ein zutiefst sowjetischer Mensch, der der UdSSR nachtrauert. Hätte er die tatsächliche Möglichkeit dazu, würde er real darüber nachdenken, wie die Sowjetunion mit allen möglichen Mitteln wieder herzustellen ist. Aber er kann Belarus oder Kasachstan nicht anschließen, kann nichts mit den Staaten machen, die die Sowjetunion verlassen haben und in die NATO eingetreten sind. Genau weil er so wenige Möglichkeiten hat, hat er sich in die instabile Situation in der Ukraine verbissen und sie als eine gewisse Möglichkeit eingeschätzt, seine Vorstellungen von Geopolitik zu realisieren.
Die Verfassung eines Großteils der russischen Bevölkerung ist derzeit so, dass ein bedeutender Teil die Handlungen Putins tatsächlich unterstützt. Die Situation mit der Krim hat das gezeigt – anfangs waren fast 90 % von der Annexion begeistert.
Vor diesem Hintergrund gibt es Familien von Armeeangehörigen, die den Horror des unerklärten Krieges verstehen – die verstehen, dass ihr Ehemann, Sohn, Bruder diese imperialen Pläne womöglich mit seinem L0
#ben bezahlt – nicht für das Heimatland, sondern für ein Abenteuer. Aber diese Familien sind in der Minderheit und sie wollen ihre Haltung nicht öffentlich machen. Die Menschen haben Angst.
Die, die die Wüstheit und Barbarei der Ereignisse verstanden haben und verstehen, sind nicht immer bereit, sich offen zu äußern. Die Menschen verstehen, dass einem bedeutenden Teil der Gesellschaft nicht einmal der Kampf für ihre eigenen Verwandten unterstützenswert erscheint Deswegen warten einige von ihnen einfach unterwürfig ab in der Hoffnung, dass der ihnen nahestehende Mensch überlebt, oder sie unternehmen ihre Anstrengungen abseits der Öffentlichkeit.
Menschen, die bereit sind für ihre Mitbürger zu kämpfen, so wie Ella Poljakova, sind in gewisser Weise im luftleeren Raum. Denn jede Menschenrechtsorganisation kann erst für den Schutz der Rechte von Armeeangehörigen tätig werden, wenn diese Hilfe nachgefragt wird. 
 
  • Um aber eine Gesellschaft so um 180 Grad zu drehen und sie in die Vergangenheit zu ziehen, braucht es doch eine gewisse Grundlage in der Gesellschaft selbst. Was sind die tiefliegenden Stützpfeiler für den Erfolg der Putinschen Propaganda?
Nach den stümperhaften wirtschaftlichen und sozialen Reformen in den neunziger Jahren sind die russischen Menschen von der Demokratie enttäuscht. In der Ukraine war das Leben vor zwanzig Jahren auch kein Zuckerschlecken, die Machthaber haben Jahr für Jahr riesige Fehler begangen, in deren Ergebnis Viktor Janukowitsch zum Präsidenten geworden ist. Auch in Russland sind alle grundlegenden staatlichen Reformen stümperhaft und oft verbrecherisch durchgeführt worden. Die Menschen sind ausgeraubt worden, all ihre Ersparnisse aus der sowjetischen Periode sind verbrannt. Die politischen Reformen gingen mit sehr schlechten Erfolg vonstatten. Die letzten relativ ehrlichen Wahlen in Russland waren die zur Staatsduma 1995. Danach gab es keinen einzigen ehrlichen Wahlkampf.
Deswegen beurteilen etliche Millionen Menschen das kategorisch negativ, was Historiker und Politiker üblicherweise „demokratische Reformen“ nennen; auch wenn die Umstrukturierungen in den neunziger Jahren nicht demokratisch waren, sondern oligarchisch – der Prozess der Privatisierung großer Teile des Eigentums spielte sich in einem sehr engen Personenkreis ab. An der Aufgabe, Russland demokratisch zu reformieren, sind Boris Nikolajewitsch Jelzin und alle seine Regierungen gescheitert.
In der Bevölkerung ist eine kolossale Unzufriedenheit mit allen Ereignissen entstanden. Das, was die politische Psychologie das „Weimarer Syndrom“ nennt, ist auch in Russland eingetreten, zudem in riesigem Ausmaß. In Deutschland hat es einige Dutzend Millionen Menschen betroffen, in Russland fast hundert Millionen.
Imperialistische Menschen gibt es in Russland sogar mehr als sowjetische. Sie empfinden eine große Nostalgie gegenüber einem großen Staat, der allen in der Welt seine Bedingungen diktiert und dabei bei seinen eigenen Bürgern den Eindruck erweckt hat, dass das Leben nirgendwo besser sei als in der Sowjetunion.
Dieselbe sowjetische Taktik hat Putin vor fünfzehn Jahren adaptiert. Er hat perfekt die Nische der Erwartungen der Gesellschaft und des Verlangens nach einem starken Führer erfüllt, obwohl er selbst kein starker Mensch ist. Menschen mit einer politischen Haltung und psychologischen Art wie Putin sind im Regelfall innerlich recht schwach, bemühen sich aber, das zu verbergen.
Um Putin hat sich eine große gesellschaftliche Mehrheit gebildet, aber sie ist sehr brüchig und nicht ihm persönlich ergeben. Diese Menschen werden nicht auf die Straße gehen, um Putin zu verteidigen, wenn er von der Macht verschwindet; eben so wenig ist 1991 jemand zur Verteidigung der KPdSU auf die Straße gegangen, als sie zusammengebrochen ist.
 
In unserem Land ist die Wahl einfach und schrecklich: entweder Wahlen oder Mistgabeln
  • Wann und unter welchen Umständen wird das Ende der Epoche Putin eintreten?
Wie viel Zeit vergehen muss und welche Ereignisse es braucht, damit die Mehrzahl der Menschen das Wesen des Geschehens begreifen, weiß niemand. Das kann ein Jahr sein, vielleicht zehn, vielleicht auch dreißig.
Aber der Prozess findet jetzt unter anderen Bedingungen statt als vor dreißig Jahren. Die Sowjetunion existierte unter Bedingungen einer informationellen Abgeschlossenheit, als es real möglich war, einen „Eisernen Vorhang“ zu errichten und die Reisemöglichkeiten außerhalb des Landes einzuschränken, womit es möglich war, die Informationsflüsse wesentlich einschränken und die Menschen von der Wahrheit zu isolieren.
Jetzt gibt es aber das Internet, mobile Verbindungen, eine globale informationelle Durchdringung. Es ist nicht möglich, eine „Eiserne Wand“ zu errichten, ohne dass man alle Kommunikationsfäden durchtrennt. Den Weg, das Land elektronisch abzuschalten, beschreiten nur zwei Staaten: Nordkorea und China; und selbst da blockiert China nicht komplett alles, sondern sucht eine Balance mit den Interessen des aktiven Bevölkerungsteils, der das Land tatsächlich weiterentwickelt. Putin ist ein großer Anhänger des chinesischen Entwicklungsmodells, das an sich ein modernisiertes sowjetisches Modell ist. Genau deswegen schenkt er dem Verhältnis zu China so viel Beachtung, weigert sich dabei aber daran zu glauben, dass China nur ein Ziel hat: das östliche Russland zu schlucken, vom Ural bis in den Fernen Osten. China setzt sein Ziel folgerichtig, schweigend und methodisch kundig um.
Putin hilft China mehr als irgendein Russe in den letzten hundert Jahren. Er versteht die Gefahr für die russische kulturelle und politische Identität nicht. Putin sieht vieles nicht und weiß vieles nicht; er nutzt das Internet nicht, lebt im Kommunikationssystem des 20. Jahrhunderts. Wenn ein bedeutender Teil der russischen Gesellschaft, darunter die russische Elite, kategorisch unzufrieden mit einem derart nicht zeitgemäßen Führer sein wird, wie Putin es ist, wenn er für die Gesellschaft und die Elite unerträglich wird, dann tritt er ab.
 
  • Wird das friedlich geschehen?
Es kann sein, dass Putin als Ergebnis einer Palastrevolution geht oder als Ergebnis einer inneren Übereinkunft der bestimmenden Gruppe, einer Art Kooperative „Ozero“. Zu irgendeinem Zeitpunkt können diese Leute Putin sagen: „Damit wir alle überleben, musst du gehen. Es gibt einen anderen Kandidaten – lass uns versuchen, die Macht auf diesem Weg zu bewahren.“  Aber dabei muss der andere Mensch Wahlen gewinnen und das ist wesentlich.
Vielleicht hat sich bis zu diesem Zeitpunkt die Meinung innerhalb der Gesellschaft so weit konsolidiert, dass die Opposition eine stabile Mehrheit bekommt. Die Frage ist, um welche Opposition es sich handelt. Man muss verstehen, dass die russische Opposition heute sehr unterschiedlich ist, eine geringe Anzahl hat, vereinzelt ist, sowohl politisch als auch wirtschaftlich schwach und keinen Zugang zu allrussischen Medien von Bedeutung hat.
In den letzten fünfzehn Jahren sind alle unabhängigen privaten Fernsehsender mit Reichweite in ganz Russland zerstört worden, die für die staatlichen wenigsten irgendeine Konkurrenz darstellen könnten. Die unabhängigen Medien in Russland kann man an zehn Fingern abzählen. Deswegen erhalten die Menschen nur sehr schwer Information darüber, dass es eine politische Alternative gibt und andere Sichtweisen auf die Entwicklung des Landes. Es gibt nur das Internet, das eine enorme Rolle spielt.
Ich kann sagen, dass es bereits einen Unterschied zwischen der Meinung in der Gesellschaft wie sie im Frühjahr, nach der Annexion der Krim, war und dem Jahresende gibt: den Menschen haben die Kriegshandlungen und die Information über die direkte Beteiligung der russischen Streitkräfte auf dem Gebiet der Ukraine Angst gemacht. Die Verluste haben sie erschreckt. Es beunruhigt sie der Krieg mit einem verwandten Staat, denn für die Mehrzahl der Russen ist die Ukraine auch jetzt noch ein näherer Staat als China. Die Menschen empört die Lüge der Machthaber, wenn sie verstehen, dass die Machthaber betrügen und lügen.
In Russland ist der Anteil der täglichen russischen Nachrichten auf den föderalen Kanälen wesentlich geringer als der Anteil von Information über die Ereignisse in der Ukraine. All das geschieht vor dem Hintergrund, dass die Preise bedeutend und schnell steigen, was quasi ausnahmslos jede Familie betrifft. Arbeitsplätze werden gekürzt, Löhne zurückgehalten.
All diese Prozesse gebündelt bringen einen gewissen Teil der Menschen zum Nachdenken: „Was geschieht mit dem Land, warum geschieht es und wer trägt die Verantwortung?“
Alles kann völlig unerwartet geschehen. Für die Geschichte ist charakteristisch, dass manchmal globale politische Ereignisse aus etwas Kleinem entstehen, das aber einen breiten Widerhall in der Gesellschaft gefunden hat. Alles kann innerhalb weniger Tage passieren.
 
  • In der Situation wie sie ist: welche Aufgaben stellt sich die russische Opposition?
In unserer Sache darf man weder Optimismus noch Pessimismus empfinden; man muss arbeiten und sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung bewegen. Man muss den russischen Bürgern folgerichtig und nachdrücklich erklären, was im Land und der Welt passiert, seine Position darstellen, reden und immer wieder mit den Menschen reden; allen erklären, wie wichtig es ist, an den Wahlen teilzunehmen, für Oppositionsparteien zu stimmen, um die Situation friedlich zu verändern.
Der alternative Weg dazu ist nur die Revolution. D.h. in unserem Land ist die Wahl einfach und schrecklich: entweder Wahlen oder Mistgabeln. Ich bin ein prinzipieller Befürworter eines friedlichen politischen Weges und möchte, dass sich die Machtverhältnisse in Russland als Ergebnis ehrlicher und offener Wahlen ändern.
 
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