Igor der Panzerschreck


Jahrzehntelang suchte die Nato nach einem Mittel gegen die drückende Panzer-Übermacht Moskaus. Die Generäle in Washington hätten sich die Suche sparen können. Die Wunderwaffe existiert, seit rund 50 Jahren (das genaue Alter unterliegt der Geheimhaltung). Sie hat zwei Beine, einen rotblonden Rauschebart und als unveränderliches Kennzeichen einen großen, schwarzen Fotoapparat auf der Brust. Die Wunderwaffe heißt Igor Gavrilov, und sie hat aus Washingtoner Sicht nur ein großes Handicap: Sie ist schwer lenkbar und schon gar nicht fernzusteuern.

Wie ein T-72-Panzer Igor hätte sich selbst nicht träumen lassen, wie vielseitig seine militärische Verwendbarkeit ist. Gut, mit ein paar Militär-Kursen an der Uni hatte es der bekannte Fotograf einst bis zum Leutnant der Reserve gebracht, und seine fotografische Durchschlagkraft steht einem T-72-Panzer in nichts nach. Doch wie sollte Igor ahnen, dass jede amerikanische Pershing-Rakete im Vergleich zu ihm kaum mehr hermacht als eine Wasserpistole? Denn wer kann schon von sich behaupten, eigenhändig ein ganzes Panzer-Bataillon außer Gefecht gesetzt zu haben? Schelm vor dem Herrn Dabei hatte Igor, ein Fotograf der Superlative und ein Schelm vor dem Herrn, nur die besten Absichten – das behauptet er zumindest. Es war Anfang der achtziger Jahre und im Kreml herrschte noch Leonid Breschnew, als er für die Zeitschrift „Ogonjok“ einen Bericht über den heldenhaften Einsatz der russischen Panzer-Streitkräfte im Leningrader Wehrbezirk fotografieren sollte.

Als echter Russe ging Igor gründlich zur Sache. Schon am Abend vor der (Foto-)Schlacht bewies er im Einsatz fürs Vaterland Heldenmut und Selbstopferung: Gemeinsam mit dem General der Truppe kippte er ein Gläschen nach dem anderen. Der arme Genosse Kommandant konnte nicht ahnen, dass der junge Foto-Korrespondent vor ihm in Wirklichkeit ein beherzter Antikommunist war. Furcht erregende Attacke Igor schwört bis heute, es habe nicht an den überschüssigen Tröpfchen gelegen, dass ihn am nächsten Morgen auf dem Gefechtsstand ein großes Gefühl der Ernüchterung ergriff. Die Panzer hatten in langer Reihe Aufstellung genommen, um extra für den Fotografen aus der Hauptstadt eine Furcht erregende Attacke vorzugaukeln. Doch was Igor da im Sucher seiner Kamera entdeckte, war nicht geeignet, dem „verfaulenden westlichen Ausland“ Angst vor der Schlaggewalt der roten Panzer-Massen einzuflössen, rapportierte Igor geflissentlich seinem neuen Waffenbruder, dem Genossen General: „Sehen Sie selbst in den Sucher, das sieht mehr nach verstreuten Kakerlaken aus als nach eindrucksvoller Militärmacht“. Stramme Anweisung Vielleicht war die optische Achse des Generals vom Wodka-Konsum noch etwas erweitert. In jedem Fall traute er sich nicht, Igor zu widersprechen. „Genosse Oberst, das Bataillon näher zusammenrücken lassen in der Grundaufstellung“, erteilte der Haudegen mit den großen Sternen auf der Schulter stramm Anweisung. Einen etwas weniger strammen Gesichtsausdruck machte der General, als Igor auch an der neuen Aufstellung keinen Gefallen fand. „Etwas besser, aber immer noch viel zu schwach, um den Sesselfurzern in Washington die Knie zum Klimpern zu bringen“. Der Oberkommandierende sagte etwas von Sicherheitsabstand, von Regeln, doch Igor war unerbittlich: „Die müssen näher aufeinander.“ Oberst weiß wie die Wand „Seis drum,“ meinte der General und tat so, als bemerke er nicht, wie das Gesicht des Obersts neben ihm bereits einen weißen Farbton annahm. „Zusammenrücken“, brummte er den Oberst mit einem tiefen Bass an. Stolz wollte der General Igor mit dem Finger auf das eindrucksvolle Ergebnis der neuen Manövrier-Arbeit hinweisen – doch der kam ihm zuvor und hielt ihm zu seinem Entsetzen schon wieder den Sucher seiner Kamera vor das wettergestählte Generalsgesicht: „Nicht schlecht, aber nicht gut genug. Von solchem Fliegenschiss bekommt kein Nato-Schreibstubenhengst das Muffensausen.“ Spätfolge der Wodka-Front Ein General ist in Russland fast ein kleiner Halbgott, und Widerspruch

und Befehle nimmt er außer vom Oberkommandierenden in der Regel höchstens von seiner Gemahlin an. Es muss am gemeinsamen Einsatz an der Wodka-Front gelegen haben oder Igors bestimmtem Auftreten, dass der Mann mit dem Auftreten einer Panzerfaust statt einem gebrummten „Nein“ nur ein eher zaghaftes „Aber das ist wirklich zu gefährlich“ über die Lippen brachte. Igor war gnadenlos. „Wenn die in Moskau im Zentralkomitee so ein lächerliches Bild sehen, das niemandem Angst macht, kann das böse Folgen haben“, meinte er spitzbübisch, und es muss nicht viel gefehlt haben, und aus dem Kopf des Generals wäre Dampf aufgestiegen. „Zusammenrücken“, brüllte er zu dem Oberst neben ihm in einem Ton, der mehr aus einem Presslufthammer als aus einem Kehlkopf zu stammen schien. „Aber das geht nicht, das gibt eine Katastrophe, wenn wir noch näher zusammenrücken“, widersetzte sich der Oberst mit einem letzten Anflug von Verzweiflung. „Zusammenrücken“, wiederholte der General. „Nicht blöd daherreden“ Igor hatte nie sadistische Tendenzen, und so muss es ausschließlich fotografischen Überlegungen entsprungen sein, als er in diesem Moment noch eine Bitte hinzufügte: „Und die Panzer müssen alle Vollgas geben, damit die Fetzen fliegen, damit das Bild dynamisch ist.“ Der General hatte kapituliert, er fand keine Worte mehr, und winkte einfach seinem Oberst zu. „Nicht blöd daherreden, ausführen“. Es folgten einige Worte in einem ungefilterten, naturreinen Russisch, das in keinem schicklichen Wörterbuch zu finden ist. Igor erinnert sich noch, wie sich der General abwandte. Dann blickte er in den Sucher seiner Kamera – und bekam Angst vor der eigenen Courage: „Als ich sah, was sich da abspielte, war ich überzeugt, die werden mich jetzt aus Rache von einem Panzer überrollen lassen.“ Verkeilte Schlagkraft Was Igor angeblich nicht wusste: Die vaterländischen Panzer waren nicht nur ihrer Schlagkraft wegen gefürchtet – sondern auch, weil sie schlecht zu steuern sind und einen enormen toten Winkel haben. Ohne den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand verkeilte sich der Stolz der Armee vor Igors Objektiv nach wenigen Metern hoffnungslos ineinander.

Der Übungsplatz erinnerte mehr an eine Schrotthalde denn an eine Streitmacht. Er war übersäht mit Raupenketten und anderen Panzerteilen. Von den knapp 40 Stahlrössern musste mehr als die Hälfte sofort in die Werkstatt. Und auch der Rest machte keine gute Figur mehr. Sterne auf Halbmast Etwas verzagt wagte Igor nach einer Schreckenssekunde einen Blick zum General: „Das wollte ich nicht“. Die Sterne auf den Schultern des Militärs schienen auf Halbmast zu stehen. Die ersten Worte, die er fand, wären mit dem Zitat von Götz von Berlichingen noch viel zu schwach übersetzt. Doch als echter Haudegen machte er das Beste aus der Lage. „Jetzt haben meine Jungs wenigstens was zu tun, die Reparaturarbeiten sind eine sinnvolle Beschäftigung.“


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