Gretchenfrage


Sehr viele russische Oppositionspolitiker und Intellektuelle diskutieren Verschwörungstheorien, wonach der Staat auf die eine oder andere Weise seine Finger im Spiel gehabt haben könnte bei dem Bombenanschlag in Petersburg. Im russischen Internet scheint das fast die am meisten diskutierte Frage. Ich bin sehr skeptisch, was solche Aussagen angeht – andererseits würde ich nach allem, was ich zu den Anschlagen 1999 recherchiert habe, auch für niemanden haften wollen. Umgekehrt wird im Staatsfernsehen der Verdacht geschürt, die Opposition stünde hinter dem Anschlag. In den deutschen Medien, die ich gelesen habe, wird diese innerrussische Diskussion ignoriert. Ebenso wie die Ansicht vieler Kreml-Kritiker, die Stimmung werde jetzt nach dem Terror ein Jahr vor den Wahlen zu Gunsten Putins kippen. Man kann diese Ansichten für falsch halten, für absurd. Aber darf man in der Berichterstattung die Ängste der russischen Opposition und das Schüren von Verdächtigungen einfach aussparen? Sollte man nicht - mit aller gebotenen Distanz - darüber berichten? Müssen wir diese Aspekte nicht kennen, um die innenpolitische Atmosphäre und die Befindlichkeiten in Russland einschätzen zu können?

PS.: Ex-SPD-Chef Platzeck kritisiert massiv die Entscheidung des Berliner Senats, nach dem Bombenanschlag von Petersburg das Brandenburger Tor nicht in den russischen Nationalfarben erleuchten zu lassen. Er hätte sich so ein Zeichen der Solidarität gewünscht, so Platzecks Aussage, die in den russischen und Putinnahen Medien weite Wellen schlägt. Ich bin mit Platzeck einverstanden. Ich würde mir aber auch dann von ihm Zeichen der Solidarität wünschen, wenn es um Menschenrechte und Unterdrückung in Russland geht. Wer seit Jahren wie Putins Cheflobbyist auftritt und andeutet, die Russen hätten halt kein Recht auf Menschenrechte, wer Putins Aggression in der Ukraine schön redet, die täglich Menschenleben kostet, der wirkt für mich nicht glaubwürdig als Anwalt der Menschen in Russland; nur als Anwalt des Putin-Regimes.

Bildquelle: https://www.welt.de/politik/ausland/article163448470/Fuer-Putin-ist-der-neue-Terror-ein-unkalkulierbares-Problem.html


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