Corona - Urangst und Erlösungssehnsucht

Aktualisiert: Mai 2


Die Corona-Krise gefährdet unsere Gesellschaft und unsere Demokratie, warnt der Bestseller-Autor und Psychiater Hans-Joachim Maaz im Exklusiv-Interview mit reitschuster.de:


Frage: Wie erklären Sie sich, dass die Zustimmungsrate für die Regierung und Kanzlerin Merkel massiv in die Höhe gegangen ist, obwohl der Erfolg ihrer Corona-Politik doch eher durchwachsen scheint?

Maaz: Das hat damit zu tun, dass von Anfang an mit der Pandemie sehr viel Verunsicherung bis Panik geschürt wurde. Das ging im Wesentlichen von der Politik und den Medien aus. Die Menschen sind tagtäglich mit wachsenden Infektionszahlen und Sterbezahlen konfrontiert worden. Ohne dass differenziert wurde: Was Infektion bedeutet, ob man erkrankt, wie gefährlich das ist. Und vor allen Dingen, was das für Tote sind. Woran sind die gestorben? Wir wissen ja mittlerweile, dass vor allem sehr alte Menschen mit Corona sterben. Und die Sterbeursache meistens schwere Vorerkrankungen sind. Durch das Virus tritt der Tod in vielen Fällen nur schneller ein.

Frage: Welche Folgen hat die Informationspolitik? Maaz: Die Menschen sind verunsichert, in Panik. Durch eine einseitige bis falsche Berichterstattung. Und alle kritischen Stimmen, die zu einer Differenzierung beigetragen hätten, sind eher diffamiert worden. Wir alle sind mit einer archaischen Angst konfrontiert. Die Urangst vor schwerer Erkrankung und Tod ist aufgewirbelt worden, und das ist politisch und medial missbraucht worden.

Frage: Und die Folgen? Maaz: Das sind Themen, die ohnehin in unserer Gesellschaft nicht sehr offen und ehrlich diskutiert werden. Erkrankung widerspricht dem Ideal jung, frisch, kräftig, erfolgreich zu sein. Und über das Sterben wird kaum noch gesprochen. Darüber, dass dies ein normaler, unvermeidbarer Vorgang ist. Und eigentlich jeder von uns immer angehalten ist, sich zu fragen, wie er lebt, um auch gut sterben zu können.

Frage: Wie wirkt sich das auf das Vertrauen in die Regierung aus?

Maaz: Wer Panik schürt, es gehe um Leben und Tod, wie durch Politik und Medien geschehen, der provoziert einerseits auch Rettungs- und Erlösungswünsche, darunter auch die Sehnsucht nach Rettern. Und anderseits provoziert das Schüren von Panik Zweifel, Kritik und Empörung über die existentiell bedrohlichen Übertreibungen bei der Darstellung der Gefahr.

Frage: Und auch die regelrechte Forderung nach einschneidenden Maßnahmen? Maaz: Ja. Für mich als Ostdeutschen ist das etwas besonders Erschreckendes: Dass in kürzester Zeit alle so wichtigen und, wenn man die deutsche Geschichte sieht, so mühevoll errungenen Grundrechte so schnell aufgegeben werden. Das kann ich mir nur so erklären, dass die Angst überwiegt: vor einer furchtbaren Erkrankung, dem gefährlichen Sterben.

Frage: Ist deswegen die Reaktion auf Kritik an der Regierung teilweise so aggressiv, weil sie viele als Aggression auf den vermeintlichen Retter bzw. die Retterin sehen? Maaz: Ja. Wir erleben eine zunehmende Spaltung. Auf der einen Seite diejenigen, die die staatlichen Regelungen und Beschränkungen für richtig und wichtig halten. Das erlebe ich oft so, als würden die Menschen schützend unter ein Angebot der Rettung von oben fliehen.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Zweifel haben, die das anders sehen, die auch andere wissenschaftliche Meinungen zur Kenntnis nehmen. So nimmt die Spaltung zu in der Gesellschaft.

Frage: Wie drückt sich das aus?

Maaz: Ein für mich ganz furchtbares Symptom ist die häufige Zahl von Denunziationen. Ich habe das hier erlebt, dass ständig Menschen angezeigt werden, unser Bürgermeister in Halle hat sogar beklagt, dass dies überhandnimmt. Etwa, wenn jemand auf der Bank sitzt und ein Buch liest, oder sich Leute zu dritt oder zu viert begegnen unterwegs, und sie deswegen jemand denunziert. Dass Menschen so etwas absurdes, peinliches tun, kann ich mir nur damit erklären, dass sie in größter Angst sind. Sie beugen sich Maßnahmen, die sie nicht mehr hinterfragen. Sie beugen sich dem Gefühl, das ist jetzt unbedingt notwendig, da darf kein Zweifel sein. Das ist für mich ein Ausdruck dafür, dass in diesen Menschen auch noch ganz andere seelische Probleme schlummern, die sie jetzt aber auf die Virus-Bedrohung projizieren. Für sie ist dann jeder, der das irgendwie in Frage stellt, oder kritische Fragen aufwirft, oder der nicht alle Vorschriften strikt einhalten will, ein Gefährder, ein Bedroher. Es ist ein projizierter Hass als ein Zeichen großer psychischer Labilität, wenn der anders Handelnde zum Feind gemacht wird.

Frage: Wie genau muss man das verstehen? Maaz: Da geht es dann nicht mehr allein um die Virengeschichte, sondern um die Lebenshaltung. Da wird eine Lebenshaltung in Frage gestellt – ich gehorche, ich ordne mich unter, ich hoffe auf Rettung durch eine gute Autorität. So eine Lebenseinstellung haben eben viele Menschen: Etwa, wenn sie in ihrer Kindheit so behandelt worden sind, dass sie sich unterordnen mussten. Oder nie gut betreut wurden, abhängig geblieben sind und selbstunsicher. Und dann hoffen, ein Partner, ein Chef oder Politiker führen sie in ein besseres Leben. Sie greifen dann jeden an, der ihre Lebenshoffnung auf gute Führung zerstören könnte.

Fragen: Wird das durch das Schüren der Ängste noch verstärkt? Maaz: Ja. Alle Statistiken und Zahlen werden nicht relativiert, dahingehend, dass man sich ansieht, was waren die eigentlichen Todesursachen, welche Statistik wird hier angewendet.

Frage: Sie haben schon in der Migrationskrise beschrieben, dass viele Menschen ihre Ängste verdrängen, und dann ihre Aggression auf diejenigen richten, die genau diese Ängste offen aussprechen, die sie selbst verdrängt haben. Haben wir hier also ähnliche Mechanismen? Maaz: Ja. Die Grundmechanismen dahinter können wir aus der Gruppendynamik ersehen. Wenn man eine Gruppe von Menschen behandelt, die alle ihre persönlichen Probleme haben, entstehen automatisch gruppendynamische Gesetzmäßigkeiten. In einer Gruppe bilden sich verschiedene Positionen. Die Alphas, also die Anführer. Die Betas, die Fachleute. Die Gammas, die Mitläufer. Und die Omegas – die Außenseiter. Diese Positionen entstehen immer, wenn Menschen zusammen sind. Die Omegas sind die Störer. Die Gefährder. Die etwas verkörpern, was die Mehrheit nicht wahrhaben will. Deshalb sind die Omegas die wichtigsten in einem gruppendynamischen Prozess.

Frage: Warum? Maaz: Weil sie tatsächlich etwas an den Tag bringen, was verborgen, was unbewusst ist und was die Mehrheit nicht wahrhaben will. Eine der Grundlagen der Gruppentherapie ist, genau diese Omegas zu schützen. Nicht zuzulassen, dass sie herausgedrängt werden – was ja sonst im Leben häufig passiert, dass die diskriminiert werden. Für die Gruppe ist aber wichtig, sie zu verstehen. Es muss erforscht werden, was bei den anderen der Grund dafür ist, dass sie die Ansichten der Omegas nicht wahrhaben wollen. Weshalb sie solche Angst haben vor einer anderen Meinung.

Frage: Das klingt wie eine Beschreibung unserer Gesellschaft. Lässt sich das übertragen? Maaz: Ja! Genau diese gruppendynamische Situation haben wir ja schon seit längerem. Migration war ein Höhepunkt, aber auch Finanzpolitik, Europapolitik und jetzt Klimapolitik und Energiepolitik. Es gibt immer eine solche gruppendynamische Situation, mit Anführern, also Alphas, welche die politisch korrekte Position vertreten, und Kritikern, also Omegas. Das Schlimme daran ist, dass diese Kritiker nicht mehr wirklich integriert werden, nicht mehr verstanden. Sie werden ausgegrenzt, teilweise ganz schlimm, man diffamiert sie als Populisten, Nazis oder jetzt als Verschwörungstheoretiker, es gibt übelste Beschimpfungen. Das ist für die Entwicklung einer Demokratie verheerend. Denn im Grunde genommen werden damit die demokratischen Verhältnisse aufgegeben.


Frage: Warum? Maaz: Zu eine Demokratie gehört immer, dass man auch andere Positionen akzeptiert. Man muss sie nicht gut finden, aber man muss einsehen, dass es sie gibt, und dass es immer Motive und Interessen für diese Positionen gibt. Es muss einen Austausch geben, ein Hin und Her, ein Abwägen, ein Verständnis, dass man selbst irren kann, dass der andere auch recht haben kann. Es gibt keine einzige Wahrheit. Nur mit dieser Erkenntnis entsteht allmählich eine reifere Position, in der man versucht, die verschiedenen Positionen zu verstehen und zu integrieren, Kompromisse zu finden und den Diskurs offen zu halten. In einer Demokratie gibt es immer verschiedene Positionen, die nebeneinander bestehen, ohne dass man sich feindselig bekämpfen muss. Das ist die Basis einer jeden Demokratie.

Frage: Und die Entfernung von einer solchen wird durch die Corona-Krise verschärft?

Maaz: Ja, massiv. Jeder Mensch ist beteiligt. Vor ein paar Tagen, als es noch keine Maskenpflicht gab, kam es schon oft zu feindseligem Verhalten untereinander, der eine trug eine Maske, der andere nicht, man ging sich aus dem Weg, hat sich auch mal angeblitzt, angepöbelt. Jeder ist heute davon betroffen – das ist eine Zuspitzung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Und diese Zuspitzung erkläre ich mir auch damit, dass es um eine Urangst geht. Sollte es irgendeinen politischen Willen geben, die Menschen zu spalten, gehorsam zu machen, dann ist ein Virus die ideale Möglichkeit dazu: Denn alle Menschen sind jetzt besonders vorsichtig, haben Angst, möchten geschützt werden. Man sieht das ja: Die Angst vor einer Ansteckung, an der man auch sterben kann, reicht aus, um über Wochen die Grundrechte auszuhebeln. Und die Gesellschaft wirtschaftlich in eine ganz schlimme, krisenhafte Situation zu bringen, wo wir nicht wissen, wie wir da wieder herauskommen sollen.

Frage: Sie fürchten, dass die Situation ausgenutzt wird? Maaz: Wir sehen im Moment eine auffällige Diskrepanz. Es ist in Ordnung, wenn man Befürchtungen hat und vorsichtig ist, wenn man die Verhältnisse nicht kennt. Mittlerweile kennt man diese aber besser, und es hat sich herausgestellt, dass das, was am Anfang befürchtet wurde, also die Infektions- und Sterbegefahr, bei weitem nicht so groß ist, wie anfangs angenommen. Da jetzt klar ist, dass die massive Gefährlichkeit, die man am Anfang befürchtete, nicht gegeben ist, stehen die Maßnahmen, die getroffen wurden, nicht mehr im Verhältnis zum Risiko. Das ist das Auffällige. Viele Verantwortliche aber denken offenbar: Da ist erst einmal so entschieden worden, politisch, vielleicht verständlich und nachvollziehbar, mit erheblichen Folgeproblemen – und da kann man jetzt nicht so schnell zurück. Man kann jetzt nicht sagen: Wir haben uns geirrt, wir haben das falsch eingeschätzt. Für mich sieht das psychologisch so aus, dass man nur langsam, schrittweise zurückrudern kann, um nicht das Gesicht zu verlieren. Um nicht sagen zu müssen: Wir haben etwas falsch eingeschätzt. Und genau diese Situation sollte bedacht werden.

Frage: Das klingt nach einem Teufelskreislauf. Wie kommt man aus dem heraus? Maaz: Wir sollten offen und ehrlich über alle Maßnahmen diskutieren. Darüber sprechen, was war sinnvoll und notwendig, was war übertrieben, und wie können wir zu normalen Verhältnissen zurückkommen.


Lesen Sie morgen hier im zweiten Teil des Interviews mit Maaz:

  • Warum so viele Angela Merkel als Retterin sehen.

  • Worin ihre vermeintliche Stärke besteht, und warum die so gefährlich ist.

  • Warum auf Zweifel und Fragen so aggressiv reagiert wird.

  • Warum die Politiker zum Handeln regelrecht gezwungen sind.

  • Warum in der heutigen Politik eine narzisstische Problematik eine große Rolle spielt.

  • Warum die Sehnsucht nach Autoritärem wieder so groß ist in Deutschland.

  • Welche Ratschläge Maaz dem Einzelnen in der Krise gibt.

Hans-Joachim Maaz, Bestsellerautor und seit 40 Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker, war Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Er ist ein gefragter Analytiker insbesondere der gesellschaftlichen Befindlichkeit in Ostdeutschland. Seine Bücher "Die narzisstische Gesellschaft" und "Gefühlsstau" sind Standard-Werke. Zuletzt erschien im März sein Buch "Das gespaltene Land" im C.H.Beck Verlag.

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Bild: C.H.Beck

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