Alles nur Verschwörungstheorien?

Gastbeitrag von Professor Felix Dirsch, katholischer Theologe und Politikwissenschaftler.

Nicht alle unbequemen Botschaften können als Verschwörungstheorien abgestempelt werden.

Sprechblasenartig werden in letzter Zeit die Bezeichnungen „Verschwörungstheorie“ und „Verschwörungstheoretiker“ verwendet, um andere Meinungen zu diskreditieren. In den letzten Monaten traf der Bann nicht selten Personen, die die Corona-Maßnahmen für unverhältnismäßig halten. Die Polemik macht es scheinbar überflüssig, sich mit den wechselhaften Inhalten und Valenzen dieses Begriffs auseinanderzusetzen, zumal man diese Spezies leicht mit „Rechten“ in einen Topf werfen kann.

Verabredungen im Verborgenen hat es in der Weltgeschichte immer gegeben und gibt es bis heute. Hinterzimmer sind nicht unbedingt als Orte besonderer Wahrheitsfindung bekannt. Dennoch stellte man bei konspirativen Treffen öfters entscheidende Weichen. Das vielleicht herausragendste diesbezügliche Ereignis in der Antike waren wohl die Absprachen der Mörder Caesars, denen bald Taten mit weitreichenden Konsequenzen folgten.

Den angeblichen oder tatsächlichen Verschwörungen folgten die Theorien. Seit dem Altertum sind es vornehmlich Geheimgesellschaften, denen man gern Konspirationen unterstellt. Zu solchen Gemeinschaften zählte das antike Christentum, das in seiner frühen Zeit noch eine Arkandisziplin kannte. Das heißt: Von rituellen Verabredungen sollte nichts nach draußen dringen. Geheimzeichen wie der Fisch sollten die Identität nach außen wahren. Viele Außenstehende missbilligten diese Abschottungen scharf. Zum kirchenfeindlichen Propagandaarsenal zählte der Vorwurf, die Christen feierten thyestischen Mähler. Die eucharistische Feier missverstand man in der heidnischen Umwelt als Verspeisung von Menschenfleisch.

Auch in längst christianisierten Regionen blühten mitunter Komplott-Vorwürfe. Man brachte sie auch gegen die Tempelritter vor. Dieser bis heute geheimnisumwitterte Orden hatte ursprünglich die Aufgabe, die christlichen Pilger auf ihrer gefährlichen Reise ins Heilige Land zu beschützen. Die Zahl der Feinde wuchs schnell, zumal der imaginierte Templerschatz Begehrlichkeiten weckte. Die Gemeinschaft wurde vom Papst schließlich aufgelöst, die Oberen in Scheinprozessen abgeurteilt und ermordet.

Zur Zeit des unrühmlichen Endes des Templer-Ordens entstand im Kontext der mittelalterlichen Bauhütte die Verbindung der Freimaurer. Deren Logen erreichten ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert, als sie Zulauf von vielen Intellektuellen erhielten. Die Wühlarbeit der „Literaten im Untergrund“ (Robert Darnton) bewirkte (zusammen mit anderen Faktoren) eine nachhaltige Destruktion des Ancien Regime. In einer noch relativ stark von Religion und Hierarchien geprägten Epoche musste das primäre Ziel der Freimaurer nach umfassender Humanität auf Widerstand stoßen. Die Losung „Alle Menschen werden Brüder“ rief nicht nur wegen der fehlenden Schwestern Widerstände hervor. Im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus zeigten sogar Herrscher wie Friedrich I. von Preußen Sympathien für die Geheimbündler.

Ein eigenes Kapitel der jüngeren Geschichte füllen die von Johann A. Weishaupt 1776 in Ingolstadt gegründeten Illuminaten. Dieser Weisheitsbund richtete sich gegen andere Logen wie die Gold- und Rosenkreuzer-Verbände und sah sich als Wegbereiter der wahren Aufklärung. Der Illuminaten-Orden wird schließlich von der Regierung verboten. Welche enorme Strahlkraft er bis in die unmittelbare Gegenwart entwickelt, zeigt sich in der Popkultur. In dem Megabesteller „Illuminati“ wird eine Bombe aus Antimaterie im Vatikan versteckt. In einem weiteren von Dan Brown verfassten Kultbuch „Sakrileg“ ist es die katholische Organisation „Opus dei“, die die krassen Nachfahren Jesu beschützt.

Der international operierende Jesuiten-Orden, die Miliz des Papstes, musste im Laufe der Jahrhunderte ganze Litaneien über angebliche Untergrund-Machinationen über sich ergehen lassen. Jesuiten wirkten unter anderem als Beichtväter an katholischen Fürstenhöfen. Im Zuge kulturkämpferischer Maßnahmen konnten sie bis 1917 nicht im deutschen Reich tätig sein.

Den Vorwurf staatsfeindlich-internationalistischer Zusammenrottungen brachte man nicht zuletzt gegen Juden vor. Ein besonders perfides Machwerk antisemitischer Verleumdung stellen die „Protokolle der Weisen von Zion“ dar. Dieses Pamphlet erschien Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland. Bei der Fälschung handelt es sich wohl um teilweise Abschriften aus einer anderen antisemitischen Schrift. Feinde des Judentums aus aller Welt nahmen den Text zum Anlass, Angehörige hebräischer Abstammung der Weltintrige zu bezichtigen.

Die Verstrickungen einzelner säkularer Juden in bolschewistische Verbrechen und in Geschäfte an der Wallstreet gab Antisemiten Gelegenheit, alle Juden als „internationale Drahtzieher“ über einen Kamm zu scheren. Gewiss waren Kosmopolitismus und eine liberale Grundeinstellung im Judentum stark verbreitet; ebenso jedoch zeigte sich die patriotische Haltung und Tapferkeit vieler jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg. Verschiedene jüdische Organisationen in der Weimarer Republik haben immer wieder darauf hingewiesen.

Dass in der augenblicklichen Krise tatsächliche und angebliche Verschwörungstheorien üppig ins Kraut schießen, etwa über die Herkunft des „Wuhan-Virus“, überrascht in historischer Perspektive keineswegs. Phasen der Unsicherheit bilden stets einen Nährboden für die Suche nach Sündenböcken und einfachen Erklärungen. In solchen Zeiten profilieren sich gern Aufsehen erheischende Persönlichkeiten wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann, bei denen man nicht so recht weiß, wie ernst ihre Äußerungen zu nehmen sind.

Nun haben Komplott-Theorien in mancherlei Hinsicht etwas mit Religion gemeinsam. Echte Verschwörungstheoretiker gehen von einer nur schwer wahrnehmbaren Hinterwelt aus, die in deren Perspektive die eigentliche Welt repräsentieren. Von ihr wissen nur Eingeweihte. Carl Christian Bry spricht in einem Buch der 1920er Jahre („Verkappte Religion“) von „Hinterweltlern“.

Verschwörungstheoretiker geben vor, Einblicke in verborgene Wirklichkeiten erhalten zu haben und über spezielles Wissen zu verfügen. Beliebte Verschwörungstheorien der unmittelbaren Gegenwart sind verquaste Deutungen von 9/11, alternative Sichtweisen zur Mondlandung, die Bestreitung der Legitimität der Bundesrepublik in Reichsbürgerkreisen, die vermeintliche Realität von Chemtrails, die Behauptung, das Corona-Virus existiere gar nicht (von Hoaxisten vertreten) und so fort.

Dass Verschwörungstheorien oft unterkomplexes und zum Teil falsches Wissen verbreiten, ist unstrittig. Manche sind tatsächlich „krude“ zu nennen. Nicht alle alternativen Wahrheiten, die von anderen als den politmedialen Eliten in Umlauf gebracht werden, sind aber als Fake News einzustufen. Es kommt auf die Begründung im gesellschaftlich-politischen Diskurs an. Er muss für die Unterscheidung der Geister sorgen. Öfters kann man an Verschwörungstheorien ein Körnchen Wahrheit erkennen, das herauszufinden natürlich nicht einfach ist. Dieses „cum grano salis“ sorgt mitunter für eine wenigstens partielle Legitimität der entsprechenden Meinung.

Als jüngst höhere vatikanische Würdenträger, unter anderem Kurienerzbischof Carlo M. Viganó und Kurienkardinal Gerhard L. Müller, an der Kurie einen Aufruf an alle Menschen guten Willens veröffentlichten, wurden sie und Zehntausende von Unterzeichner bezichtigt, Verschwörungstheorien zu verbreiten. So verweist das Papier unter anderem auf die Gefahren der Freiheitseinschränkungen im Zuge der jüngsten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Sicherlich kann man kritisieren, dass die entsprechenden Andeutungen zu wenig ausgeführt wurden, aber ein solcher Appell soll ja in zugespitzter Art und Weise zum Nachdenken anregen.

Besonders die Hinweise auf eine etwaige Weltregierung mögen kryptisch wie zugespitzt erscheinen. Jedoch sind die Versuche der Einflussnahme etwa des US-Unternehmers und Multimilliardärs Bill Gates und der von ihm ins Leben gerufenen Stiftung keinesfalls konspirativ, sondern empirisch nachzuprüfen. Seine Rolle als Finanzier bei der Suche nach einem Impfstoff, dessen Wirkung mit Recht umstritten ist, dürfte nicht zuletzt das Ziel verfolgen, die eigene Macht zu mehren. Gleiches gilt für die Aktivitäten der Stiftung des dubiosen US-Investors George Soros, dessen Versuche der Aushöhlung des europäischen Rechtssystems häufig dokumentiert sind. Auch über seine Zielsetzungen besteht kein Zweifel; primär ist es der Kampf gegen nationalstaatliche Strukturen.

Der katholische Journalist Jürgen Liminski hat einiges über die Gefahren des Abgleitens der Demokratie in eine „NGO-Diktatur“ geschrieben. Auch die Hinweise der erwähnten kirchlich-konservativen Würdenträger über die Gefahren eines Impfzwangs sind keinesfalls von der Hand zu weisen. Anstatt voreilig die Verschwörungstheorie-Keule zu schwingen, wie leider auch Vertreter der deutschen Bischofskonferenz dies getan haben, sollten die Kritiker die Diskussion über die Weltregierung gerade in den letzten Monaten verfolgen. So hat neben anderen der Journalist Bernhard Zand seine Gründe für eine Weltregierung im „Spiegel“ vorgebracht. Entsprechende Tendenzen sind schon fortgeschritten: Weltparlament, Weltgerichtshof, Weltbank, Weltarmee und Weltpolizei gewinnen allmählich an Konturen. Zur Wachsamkeit gibt es mehr als nur einen Grund. Aus einem Weltstaat kann man nicht fliehen. Seine totalitären Züge wären wohl schlimmer als die von Kommunismus und Nationalsozialismus. Was Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ nur andeuten konnte, ist heute nicht weit entfernt von der Wirklichkeit.


Professor Felix Dirsch ist katholischer Theologe und Politikwissenschaftler. Er ist Autor diverser Publikationen, u.a. von „Nation, Europa, Christenheit“ und „Rechtes Christentum„. Dirsch kritisiert den Einfluss der 68er-Generation und der „politischen Korrektheit“.


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Bild: Piqsels, Pixabay

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