Anmache im ICE

Der sehr gepflegte Geschäftsmann in mittleren Jahren mustert mich die ganze Fahrt über. Will er etwa was von mir? Vor dem Aussteigen spricht er mich dann im Vorraum an: „Sie sind doch der Typ, der Russland immer so schlecht macht. Ich finde das unmöglich.“ – Via Link geht es zur Fortsetzung....  

„Ich mache nicht Russland schlecht. Putin macht es schlecht. Und ich kritisiere das!“ Der Geschäftsmann, geradezu beleidigt, als hätte ich ihm Sekunden vor dem EM-Halbfinale die Stromzufuhr gekappt: „Nein, sie machen Russland schlecht. Ich finde das unmöglich.“ Ich halte dagegen: „Ich liebe Russland, bin dort verwurzelt. Putin ist nicht Russland. Er hat ein Nachbarland angegriffen, Teile davon annektiert, er unterdrückt die Opposition, fälscht Wahlen, die Gesetze gelten nicht.“ Er: „Ich finde das unmöglich.“ Ich: „Ich auch!“ Er: „Nein, was Sie machen!“ Ich: „Ich überfalle keine Nachbarländer und annektiere nicht. Ich berichte nur darüber.“ Er: „Ich finde das unmöglich.“ Ich: „Dass ich nicht darüber schweige?“ Er schüttelt beleidigt den Kopf. Eine Diskussion mit einem Laternenpfahl wäre nicht weniger sinnlos. Kein einziges Argument. Ich denke an Tucholsky, verkneife mir aber, ihn zu zitieren: „In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“


P.S.: Damit kein falscher Eindruck entsteht – es sind meistens positive Reaktionen, wenn mich Menschen spontan ansprechen. Oft auch bewegende und sehr aufbauende.

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