Bücher-Vernichtung in der ARD

Aktualisiert: Jan 12

Kennen Sie Gernot Hassknecht? Den Wüterer aus der heute-show, der sich ständig in Erregung redet? Die überzogene Satire-Figur hat einen realen Widerpart in der öffentlich-rechtlichen Welt: Denis Scheck. Der 55-jährige Literaturagent, Übersetzer und Journalist wirkt wie eine Mischung aus Hassknecht und einem in die Jahre gekommenen Heiko Maas, eine Nobelvorstadt-Version des Wüterers mit Edelbrille und feinem Zwirn.

Scheck wäre die geborene Satire-Figur, aber leider spielt er die Rolle nicht, sondern meint sie ernst. In der ARD geht der Mann mit dem Charisma einer Büroklammer in der Sendung „druckfrisch“ die Bestsellerliste in mundgerechten Häppchen durch und befördert Bücher entweder auf den Büchertisch – oder er schmeißt sie mit einem kräftigen Wurf weg in eine Kiste, die wohl für Müll steht.


Allein schon das demonstrative Aussortieren und Wegschmeißen von Büchern vor der Kamera hat einen unschönen Beigeschmack. Gar nicht zu reden von der Manier, in der das Scheck tut. Ein Leser hat mir das Video der Sendung vom 24.11.2019 geschickt. Es sich (hier) anzusehen, sei nur Hartgesottenen geraten – allein schon die schriftlichen Auszüge hier gehen an die Schmerzgrenze, wenn nicht darüber hinaus.


Bei einem Werk empört sich der gebürtige Schwabe, das Buch thematisiere “unredlicherweise” den Kinderverzicht als Klimaschutzmaßnahme nicht deutlich genug: „Der wichtigste Beitrag, den wir zum Klimaschutz machen können, ist der Verzicht auf Kinder“, ereifert sich der Literaturagent im Stile eines mittelalterlichen Selbstgeißlers, dem die Geißel nicht hart genug ist (oder der zumindest so tut als ob, denn nach Verzicht sieht Scheck nicht so wirklich aus). Öffentlich-rechtliche Menschenfeindlichkeit, nicht einmal kaschiert.

Hans-Joachim Watzke von BVB dichtet Scheck, der Bücher vor der Kamera demonstrativ aussortiert und wegschmeißt, eine “martialische Wochenschau-Sprache” an und erklärt das Buch zur „Stalin-Ode.“ Den Autoren des Buches „Der größten Crashs aller Zeiten“ unterstellt er mit verächtlichem Lächeln, sie seien „Finanzalarmisten“, die mit den Ängsten der Menschen Geschäfte machten – ohne ein einziges Argument, ohne auch nur mit einem Wort auf ihre Kritik am Euro-Drucken einzugehen.


Max Ottes Buch stellt Scheck in einer Manier vor, wie Lenin wohl ein kapitalistisches Sparbuch präsentiert hätte. Ich musste spontan an einen legendären Spruch aus der Sowjetunion über den in Ungnade gefallenen Literatur-Nobelpreisträger Boris Pasternak denken (zu dessen Ehren ich übrigens meinen Vornamen bekommen habe): „Ich würde so einen Schund wie Pasternak zwar nie lesen, aber ich verurteile seine Bücher auf das Schärfste“.


Scheck fasst das Buch mit spitzen Fingern an, und mit fast schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck, als hätte man ihm die Kaviar von seiner Schnitte genommen. Und er etikettiert den Wirtschaftsprofessor sofort als „AfD-Vordenker“. Nichts geht über das richtige Framing! Als würde er von einer Geschlechtskrankheit sprechen, zitiert Scheck sodann Ottes Satz, „weitgehend ungebremste Migrationsströme nach Europa sorgen in der alten Welt für tiefe Risse und Spaltungen in den Gesellschaften“. Sofort fügt er im Stile eines Politoffiziers hinzu: Otte „unterschlägt dabei allerdings, dass es gerade alarmistische Aufmerksamkeits-Profiteure wie er sind, die dafür sorgen, die Risse, die Spaltungen in westlichen Demokratien stärker werden zu lassen und dazu beitragen, dass Vertrauen in unsere politischen Institutionen zu erschüttern.“


Kritik an der Politik, wie sie eigentlich Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien wären, verleumdet Scheck so auf dreiste Art als Profitgier, und setzt Benennung von Missständen mit Verantwortung bzw. Verschulden dergleichen gleich.


Weiter sagt Scheck dann: „Aus diesem Buch lässt sich lernen, wie ein Feindbild konstruiert wird.“ Was für eine Spiegelung! Es wäre zum Lachen, wäre es nicht so traurig und gefährlich.

Sodann erklärt Scheck, was er für das „Konstruieren von einem Feindbild“ hält (und was eigentlich in einer normalen Demokratie eine Selbstverständlichkeit, ja ein Muss sein sollte): „Kritik an Merkel, an der EU, dem Mainstream, der herrschenden politisch-medialen Elite.“

Der Mann mit dem etwas gezwungen wirkenden Grinsen fügt dann hinzu: “Meine Eitelkeit ist groß genug, mich selbst zu dieser herrschenden politisch-medialen Elite zu zählen. Und noch, noch ist diese Elite handlungsfähig…“ Sagt er, und schmeißt wie zum Beleg das Buch Ottes Weg, Richtung (Abfall?)-Kiste.




Otte koche ein schmutziges Süppchen, unterstellt der Literaturagent – was in Wirklichkeit er selbst tut, denn jemanden als AfD-Vordenker zu etikettieren, ohne zu erwähnen, dass er langjähriges CDU-Mitglied ist, ist zumindest kein sauberes journalistisches Süppchen. Das Buch löse Ekel in ihm aus, empört sich Scheck.


Ich kenne Ottes Buch nicht. Wenn in mir etwas Ekel auszulösen droht, dann Schecks Verhalten vor der Kamera.


Ich bin vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen viel gewohnt und nur noch schwer negativ zu überraschen. Schecks Sendung hat das geschafft. Es fällt mir nicht leicht, mir Vergleiche mit anderen Zeiten und anderen TV-Formaten zu verkneifen – sie drängen sich einfach zu sehr auf.


Man könnte Schecks Sendung als Geschmacksverirrung abhaken, wenn man sie nicht mit den eigenen Gebührengeldern zwangsfinanzieren müsste (statt Schmerzensgeld dafür zu bekommen, was angemessener wäre). Und wenn man als Journalist nicht umhin käme, sich für solche Kollegen zu schämen.

Ich hoffe, es noch zu erleben, dass diese Sendung einmal in der Journalistenausbildung als Negativ-Beispiel (eines von vielen) dafür gezeigt wird, wie weit ein öffentlich-rechtliches, zur Neutralität und Ausgewogenheit verpflichtetes Fernsehen von den Grundprinzipien des Journalismus abweichen kann.


Bilder: Screenshot ARD, Buchcover/amazon (2)

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