Chatten ab jetzt mit Maulkorb?


Verschiedene Medien melden heute, dass der Messenger-Dienst WhatsApp – heute für viele das, was für frühere Generationen das Telefon war: der wichtigste Kommunikationskanal - es im Zuge der Coronavirus-Krise seinen Nutzern ab sofort schwieriger machen will, Nachrichten an Freunde weiterzuleiten. Die Firma, die zum Giganten Facebook gehört, will damit die Verbreitung von falschen Informationen über die Pandemie bremsen, so die offizielle Begründung.

Nun könnte man zunächst natürlich sagen, dass alles, was die Verbreitung von falschen Nachrichten verhindert, eine gute Sache ist – vor allem in einer Krisensituation, wo Falschinformationen durchaus massiven Schaden anrichten können, bis hin zur Panik.

Die große Frage, die jegliche ansatzweise Zustimmung im ersten Moment allerdings sofort erdrückt, ist: Wer entscheidet, was Falsch-Information ist und was nicht? Hier kommt sehr schnell die Sorge auf, dass wir uns einem Wahrheits-Ministerium nähern, wie es George Orwell beschreibt in seinem Roman 1984 über einen allmächtigen Überwachungsstaat.

Ein guter alter Freund hat mir heute aus dem heimischen Augsburg folgende Nachricht geschickt: Gerade lese ich, dass Söder sagt, es wird eine Form von Maskenpflicht kommen. Vor drei Wochen noch wurden Masken als wenig hilfreich hingestellt. Das nenne ich Desinformation.

Wie wäre das mit den neuen Whatsapp-Regeln? Hätten die vor drei Wochen schon gegolten – hätte mir dann der Freund eine Nachricht, dass er Masken für hilfreich hält, obwohl die Regierung das damals nicht tat bzw. für Falschinformation hielt, nicht senden können? Wären sie an einem „Wahrheitsmechanismus“ bei Whatsapp hängen geblieben bzw. gescheitert? Wie wäre es bei facebook gewesen? In Zeiten, in denen das, was gerade noch als „rechte Verschwörungstheorie“ abgetan wird (etwa, dass eine Grenzschließung helfen könnte im Kampf gegen Corona, oder, dass das Virus doch gefährlicher sein könnte als eine gemeine Grippe), innerhalb von weniger Tagen zur regierungsamtlichen Wahrheit wird, sind jegliche Versuche, Informationsaustausch zu unterbinden, zunächst einmal mit großer Skepsis zu betrachten.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wäre die Regierung in manchen Fragen gezwungen gewesen, Fehler einzugestehen und zu handeln, wenn nicht Druck durch die Verbreitung der entsprechenden Nachrichten entstanden wäre? Etwa auch via Whatsapp? Ist die Offenheit solcher Informationskanäle nicht ein wichtiger Mechanismus der Fehlerkorrektur und der Rückkoppelung zwischen Staat und Regierenden, ohne die eine Demokratie und eine offene, freiheitliche Gesellschaft gar nicht funktionieren kann?

Jetzt die gute Nachricht: Whatsapp geht (zumindest noch) nicht so weit, bestimmte Nachrichten ganz zu verbieten. Ob die meines alten Freundes zu den Masken mit den neuen Regeln angekommen wäre, ist deshalb schwer zu sagen – ich weiß nicht, wie oft er sie geteilt hat und wie hartnäckig er ist. Die eingangs erwähnte Änderung sieht nämlich vor, dass Whatsapp-Nachrichten, die bereits häufig verteilt wurden, nur noch einzeln an einen Chat weitergeschickt werden dürfen. Bislang war das Limit bei fünf Chats. Aber auch schon diese Einschränkung begrenzte die Möglichkeit der Nutzer, kritische Nachrichten umfangreich zu teilen und war damit eine nicht unerhebliche Einschränkung der Kommunikationsfreiheit. Ob die aufgewogen wird durch den vermeintlichen Nutzen, ist zumindest kritisch zu hinterfragen.


Einiges, was in den Medien steht zu der Neuregelung, wirft Fragen auf. So schreibt etwa die Berliner Morgenpost: „Die Verbreitung von Falschinformationen ist für Whatsapp seit Jahren eine Herausforderung: Denn dort haben die verschickten Nachrichten eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Somit ist ihr Inhalt nur für die Nutzer im Klartext sichtbar, aber nicht für Whatsapp selbst. Das Unternehmen hat es daher besonders schwer, gegen die Verbreitung von Falschinformationen oder Hassrede vorzugehen.“

Das heißt im Umkehrschluss, dass in anderen Diensten der Inhalt mit berücksichtigt wird, wenn es darum geht, „gegen die Verbreitung von Falschinformationen oder Hassrede vorzugehen?“ Und bei facebook ist das offenbar tatsächlich so. Teilweise offenbar auch durch „Shadow-Banning" – bei dem etwa dafür gesorgt wird, dass als falsch eingestufte Nachrichten weniger anderen Nutzern bzw. Freunden des Autoren gezeigt werden. Derzeit häufen sich selbst bei mir die Beschwerden von facebook-Nutzern über massive Zensur an ihren Beiträgen.

Das wirft noch mehr Fragen auf: Wo fängt Falschinformation an? Und Hassrede? Heute wird regelmäßig heftige Kritik an der Regierung bereits als Hass diffamiert – obwohl sie eine Bedingung für das Funktionieren einer Demokratie und freien Gesellschaft ist.

Weiter heißt es in dem Bericht der Morgenpost: „WhatsApp versucht daher schon seit Längerem, die Weiterverteilung von Nachrichten generell schwieriger zu machen. So werden bereits seit dem vergangenen Jahr häufig weitergeleitete Nachrichten markiert, und damals war auch die Beschränkung auf fünf Chats gleichzeitig beim Weiterschicken eingeführt worden.“


Zugespitzt formuliert und auf das Zeitalter des Telefonierens übertrage, scheint das fast schon so, wie wenn die Telefongesellschaften damals eine Technik in die Wahlscheiben eingebaut hätten, die verhindert, dass man schnell nacheinander verschiedene Menschen anruft. Hätten wir uns das vor dreißig Jahren einfach so gefallen lassen?

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Bild: WIX

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