Corona-Lockerungen selbstgemacht

Aktualisiert: Apr 26


Die „Öffnungsdiskussionsorgien“ – um den Wortschatz unserer Kanzlerin zu benutzen - laufen auf Hochtouren. Die „Lockerungs-Anhänger“ auf der einen Seite und die „Lockdown-Verfechter" liefern sich ein heftiges politisches und gesellschaftliches Gefecht. Die Gräben zwischen den beiden Fraktionen gehen bis ins Private, gefährden Freundschaften. In den Medien geben die Wissenschaftler den Ton an. Oft werden sie nicht hinterfragt. Dabei stehen sie aber bei genauerem Hinsehen zuweilen etwas nackt da. Wie gerade die Neue Zürcher Zeitung in einem Artikel über den "Corona-Papst" Christian Drosten und seine Zunftkollegen beeindruckend ausführte (den sehr lesenswerten Artikel finden Sie hier).

Während Politik und Wissenschaft diskutieren, schaffen sich die Menschen ihre eigenen Lockerungen. Zumindest in Berlin. In der Hauptstadt nimmt man es traditionell mit Regeln und Gesetzen nicht so genau.


Schon am Donnerstag konnte sich der Obsthändler am Eingang zur Fußgängerzone in Charlottenburg nicht so wirklich freuen, dass sein Geschäft endlich besser lief, nach wochenlanger, bitterer Flaute: „Gut, die Kasse läuft wieder, das freut mich, aber hier ist so viel los, so viel Normalbetrieb, dass ich Angst habe, dass die wieder mehr schließen müssen und alles wieder von vorne losgeht.“


Der Obsthändler klagt auch über massive Preisanstiege im Großhandel. Fast sämtliche Früchte und das ganze Gemüse sei teurer, teilweise drastisch - der Ingwer koste fast das Dreifache. Ich habe beim Einkaufen ähnliche Beobachtungen gemacht. So muss ich für meinen Apfelsaft heute fast doppelt so viel zahlen wie vor der Krise. Wahrscheinlich sind das Wahrnehmungsstörungen, denn offiziell gibt es keinen nennenswerten Preisanstieg.

Die Beobachtung des Obsthändlers, dass die Normalität zurückgekehrt scheint, trifft zu: In der Wilmersdorfer Straße herrscht ein Flanierbetrieb wie in alten Zeiten, Straßenmusikanten, Bettler und Obdachlose (vorzugsweise zu dritt oder zu viert) inklusive. Nur die Cafés sind geschlossen. Doch viele Passanten haben die Bänke als Café-Ersatz entdeckt. Oder sie tun sich im Stehen zusammen. Ganze Jugendgangs sind unterwegs – und spotten dem Kontaktverbot, wonach mehr als zwei Menschen nicht zusammen stehen dürfen. Aber vielleicht sind sie ja auch irgendwie Familie.

Ein Freund war vorgestern in Kreuzberg. Er erlebte dort genau die gleichen Szenen. Starke Rudelbildung, von testosterongesteuert wirkenden jungen Männern mit Migrationshintergrund. Und Polizisten, die "vorbeilaufen, als ob sie nichts sehen, ja als ob sie absichtlich in die andere Richtung blicken“, erzählt der Freund, der nur dienstlich in der Hauptstadt war, verwundert.


Sein Verdacht nach seinen Beobachtungen: Ein Migrationshintergrund verschaffe bei Verstößen gegen die Corona-Regeln bessere Karten. Für diese These gibt es durchaus Indizien. Anfang April löste die Berliner Polizei eine friedliche, angemeldete Versammlung gegen die Corina-Maßnahmen am Rosa-Luxemburg-Platz auf. 31 Menschen mussten ihre Personalien angeben und wurden angezeigt (Augenzeugenberichte im Video hier). Ganz anders im Problemkiez Neukölln. Dort hatten sich einen Tag zuvor 300 Männer vor der berüchtigten Dar-Assalam-Moschee versammelt. Als die Polizei die Versammlung auflösen wollte, kam es zu Tumulten und Handgreiflichkeiten. Das Resultat: Im Gegensatz zu den friedlichen Demonstranten am Rosa-Luxemburg-Platz keine Aufnahme von Personalien, keine Anzeigen.

Mit rabiatem Eingreifen beendete die Polizei am Samstag erneut eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen im Zentrum Berlin. Als sich trotz Verbot am Donnerstagnachmittag nach WELT-Informationen mehr als 100 Personen auf dem Grundstück einer offiziell beschlagnahmten Villa der arabischen Großfamilie Remmo aufgehalten haben, tat sich die Polizei dagegen schwer, die Versammlung zu beenden. Zuvor war in der Nacht zum Donnerstag die Mutter des Clan-Chefs Issa Remmo verstorben.


Im nordrhein-westfälischen Hagen musste die Polizei bzw. das Ordnungsamt die rund 60 Bewohner zweier Mehrfamilienhäuser in einem Problemviertel unter Bewachung stellen. Die rumänischen Staatsbürger hatten trotz bekannter Corona-Fälle die Quarantäne missachtet (siehe hier).


Ebenfalls in Nordrhein-Westfalen sorgten Ramadan-Reisende mit Ziel Türkei für Ärger – weil sie sich nicht an die Corona-Regeln hielten. „Schock am Flughafen Düsseldorf. Dichtgedrängte Menschenmassen ohne Sicherheitsabstand – ein Szene, die zu Zeiten des Coronavirus so nicht stattfinden sollte“, beschreibt die Zeitung „Der Westen“ das Geschehen. Genauso beunruhigend wie solche Szenen ist auch das Wegsehen der Behörden: „Die Situation sei laut Flughafensprecher Thomas Kötter kein Grund zur Besorgnis, man habe die Situation am Terminal im Blick“, heißt es in der Zeitung. Und weiter: „Man fordere die Menschen zwar auf, den Sicherheitsabstand einzuhalten, könne sie aber nicht dazu anweisen.“

Ähnlich sehen das wohl auch Ordnungsamt und Polizei in Berlin. So war ich mehr als erstaunt, als ich gestern Abend am Stuttgarter Platz vorbei radelte. Dort ist die Straßengastronomie normalerweise so lebhaft, dass man sich vorkommt wie in Paris. In den vergangenen Wochen wirkte der Platz dagegen schmerzhaft verwaist. Und dann das: Auf einmal lebhaftes geselliges Kneipen-Leben auf der Straße, die Menschen stehen in Gruppen zusammen, an provisorischen Tresen verkaufen die Restaurants Essen und Getränke. Das gleiche Bild in der Umgebung. Lebhaftes Stadtleben, von einer Kontaktsperre nichts zu erkennen. Ich war so sprachlos, dass ich anhielt und mein Telefonat mit meinem Freund - vorschriftsmäßig per Headset - unterbrach bzw. ihm wie ein Live-Reporter berichtete. "Da musst du drüber schreiben"", meinte er. Ich sagte: "Ja". Und darum lesen Sie diese Zeilen.


Ein paar Straßen weiter, in der Wilmersdorfer, ein ähnliches Bild. Plötzlich fährt ein Polizeiwagen vor. Aus Neugierde bleibe ich stehen. Werden die Polizisten jetzt etwas sagen? Ich traue meinen Augen nicht: Sie holen sich nur selbst etwas zum Essen.


Während die Politik diskutiert bzw. manche Politiker versuchen, Diskussionen zu unterbinden, schaffen sich die Menschen ihre eigenen „Lockerungen“. In Berlin, wo die Polizei jahrelang den Drogenverkauf vor aller Augen etwa im Görlitzer Park nicht einschränken konnte, wäre es auch ein Wunder, wenn sie plötzlich hart durchgreifen würde. Es sei denn, es geht um eine Handvoll friedlicher Demonstranten wie oben beschrieben, bei denen kein Widerstand zu erwarten ist.


Ganz anders etwa in Nordrhein-Westfalen: Dort hatte sich ein Paar an einer Eisdiele jeweils zwei Kugeln Eis geholt und sich anschließend auf eine Bank gesetzt. Das kam die beiden allerdings teuer zu stehen. Sie müssen 400 Euro Strafe zahlen (siehe hier).

Wie auch immer man zu den selbst gemachten Lockerungen der Corona-Einschränkungen in Berlin stehen mag: Es ist absurd, dass die Politiker in ihren Reden einfach so tun, als gäbe es diese nicht, und als würden sich alle diszipliniert an die Vorschriften halten.

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Bilder: Boris Reitschuster

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