Corona und die Unverwundbaren

Aktualisiert: März 11


Oft konnte ich kaum verkneifen, wie es mich nervte, wenn meine Oma – Jahrgang 1902 – im satten Westdeutschland der 1980er Jahre von den schweren Zeiten erzählte, vom Krieg, vom Hunger, von der Inflation, und warum sie deshalb Vorräte Zuhause hatte, und kein Essen wegschmeißen konnte. Dann ging ich 1990 zum Studium nach Russland. Erlebte leere Kühlschränke in meiner Gastfamilie und bei Freunden. Erlebte es, wie plötzlich die 50- und 100-Rubel-Scheine, die man in der Tasche hatte, nichts mehr wert waren – Entwertung, an einem Abend. Wie binnen Monaten die Hyperinflation die ganzen Lebensersparnisse meiner Gastfamilie und vieler Millionen Menschen auffrass. Wie unzählige Menschen, vor allem Ältere, an jeder Ecke Klopapier, Selbstgestricktes oder alte Bücher verkauften, um an Essen zu kommen. Ich erinnere mich an die Tränen, an den Schock, die Verzweiflung. Dabei war ich als „Valuta“-Besitzer mit D-Mark auf dem Konto und in der Tasche extrem privilegiert.


Seitdem bringe ich es nicht übers Herz, Essen wegzuschmeißen. Mein Kühlschrank ist meistens zu voll, ebenso die Vorratskammer. Und auch ein gewisses Misstrauen gegenüber Papiergeld ist geblieben – und steigt, seitdem die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik in meinen Augen nichts anderes macht, als Geld zu drucken. Wegen meiner Jahre in Russland bin ich heute für viele Gleichaltrige und Jüngere wohl genauso ein Exot wie es damals in den 1980er Jahren meine Großmutter für mich war. Aber wer einmal solche Traumata erlebt hat, kann sie nie mehr ganz aus seinem Kopf streichen. Und hat etwas verinnerlicht, was heute als so unzeitgemäß gilt, dass es praktisch aus dem deutschen Wortschatz verschwunden ist: Demut.


Umso mehr schockiert es mich in vielen Gesprächen, gerade in diesen Tagen, angesichts von Corona, wie viele Menschen es in Deutschland gibt, gerade in den "besseren" Schichten und stets politisch sehr korrekt und auf Gutsein bedacht, die sich lustig machen über Corona, über die Ängste der Menschen, gerade der Älteren. So unverantwortlich das Schüren von Panik wäre, so unverantwortlich ist diese Negierung der Gefahren.


Offenbar fühlen sich viele in unserem Land als "Unverwundbare“ – sie glauben, ihnen könne nichts passieren, sie seien vor den Untiefen des Schicksals vollkasoversichert. Ein Gefühl, dass ich bei Menschen in Russland so gut wie nie erlebt habe. So stoisch, ja fast fatalistisch sie viele Krisen wie jetzt auch Corona ertragen, so wenig würden sie sich über diese lustig machen. Dieses Gefühl der „Unverwundbarkeit“ – erklärbar nur durch ein Leben ohne existenzielle Krisen – ist in meinen Augen eine große Gefahr. Und verantwortungslos. Wenn etwa Familienväter mit Kindern nicht einmal geringste Vorräte anlegen – und sich lustig machen über Menschen wie mich, die das tun.


Wenn sich die Verantwortlichen in Berlin entschließen, den Halbmarathon abzuhalten, obwohl ein Blick nach Italien sehr klar deutlich macht, wie sinnvoll ein Verzicht auf Großveranstaltungen ist. Wenn wie am vergangenen Wochenende ein Fussballspiel in Gladbach mit weit mehr als 50.000 Zuschauern rund 30 Kilometer vom größten Herd der Corona-Infektion in Nordrhein-Westfalen stattfindet. Wenn dieses Wochenende in Berlin vor vollem Stadion ein Bundesligaspiel zwischen „Union Berlin“ und „Bayern München“ stattfinden soll. Und dazu Schlagzeilen zu lesen sind, die für mich nach Größenwahn klingen: "Union will dem Corona-Virus trotzen". Halten die Verantwortlichen sich oder die Bürger für immun? Warum bleibt das Fußballstadium offen, während etwa der Bundestag die Reichstagskuppel schließt?


Warum nehmen gerade von denen, die vor Klimawandel, Feinstaub und Atomkraft massive Angst haben, so viele das Virus auf die leichte Schulter? Jahrzehnte Wohlstand und Sicherheit in Verbindung mit einer massiven Ideologisierung, wie sie in anderen europäischen Ländern weniger vorherrschend ist, führen offenbar zum Wegfall von elementarem Risikobewusstsein, im Verbund mit Realitäts-Allergie und Verdrängung. Zu prüfen wäre, in wie weit narzisstische Züge, "Gefühlsstau" bzw. fehlende Stressresistenz gerade auch infolge von innerhalb von Familien weitergereichten Traumata und Ängste bzw. Ängstlichkeit in Folge von Krieg und Totalitarismus dabei eine Rolle spielen. Entsprechende Mechanismen hat etwa Gabriele Baring in ihrem bemerkenswerten Buch "Die Deutschen und ihre geheimen Ängste" beschrieben.


Ganz unabhängig von den Ursachen ist das Phänomen zu beobachten, dass bei einigen offenbar die Logik ausgeschaltet wird. In den sozialen Medien wird gespottet, es sei doch ganz normal und ganz gut, wenn Ältere sterben. Da werden Menschen mit Müll verglichen. Das Maß an Realitätsferne, Zynismus und Menschenverachtung, das in dieser Krise deutlich wird, macht mich sprach- und ratlos (und bitte noch Zynismus mit Sarkasmus verwechseln, wie das in Deutschland üblich ist - Sarkasmus und Galgenhumor sind wichtige Ventile in jeder Krise, Zynismus dagegen ist ein Brandbeschleuniger).

Aber wie jede Krise eröffnet auch die Corona-Krise Chancen. Sie könnte dazu führen, dass auch diejenigen, die sich heute losgelöst fühlen von den Realitäten, unverwundbar, und/oder ganz einer Ideologie verschrieben, entweder durch die Konfrontation mit harten Tatsachen auf deren Boden zurückgeholt werden – oder zumindest von vielen anderen als Realitätsflüchtlinge erkannt werden. Jede Gesellschaft, in der Verantwortungsträger, insbesondere in Politik und Medien, in größerem Umfang von der Realität abheben, landet irgend wann auf dem harten Boden der Tatsachen. Alles, worauf man hoffen kann, ist, dass die Landung erfolgt, bevor der Flug allzu hoch geht, und die Schäden durch den Aufprall überschaubar bleiben.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: UNSPLASH

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