Szenen wie aus einem Horrorfilm

Schon wieder so eine Panikmache – das war meine erste Reaktion, als mich gestern ein bestens vernetzter und informierter Bekannter via facebook-Chat warnte, der Corona-Virus werde in Deutschland massiv unterschätzt. Dann schickte er mir diverse Links – und ich muss gestehen, ich bin bis vier Uhr nicht eingeschlafen, obwohl ich eigentlich hart im Nehmen bin, nachdem mit mein Beruf schon in den Schaltraum des Unglücksreaktors von Tschernobyl, in den Krieg und zu Terroranschlägen und Geiselnamen geführt hat

In Deutschland wird immer noch vorwiegend der Eindruck vermittelt, die Pandemie sei gut im Griff. „Corona-Virus: Deutsche eher entspannt“, vermeldete das ZDF im „Politbarometer“ noch am 6. März. Die BILD-Zeitung schrieb ein Loblied auf Gesundheitsminister Spahn und dessen angeblich gute Organisation. „Die halbe Welt ist infiziert. Glücklicherweise nicht mit dem Corona-Virus, das trotz wachsender Verbreitung keinen Grund bietet, um kollektiv in Panik zu geraten. Es ist der paranoid-panische Zeitgeist, der die Gesellschaft befallen und die Stimmungslage fest im Griff hat“, schreibt Matthias Heitmann im Cicero. Und auf der gleichen Seite heißt es in einem „Fakten-Stück“ zu Corona: „Krisensituation ist die Ausnahme.“

Solche Aussagen bleiben mir jetzt im Halse stecken. Etwa, nachdem ich einen Film von ARTE-Reporter Sebastien Le Belzic über die Zustände in der chinesischen Hauptstadt Peking angesehen habe – bei ARTE, einem Sender, dem man viel nachsagen kann, aber sicher nicht, dass er unseriöse oder panikschürend ist. Was da ein China-Korrespondent eine halbe Stunde lang berichtet, zieht einem die Schuhe aus: Die Millionenstadt ist im Ausnahmezustand, au den Bildern wirkt sie wie ausgestorben, überall Quarantäne, Menschen, die nicht mehr aus ihren Wohnungen dürfen, alle in Masken, Kontrollstellen überall, Trinkwasser und Essen, das über Sperren an Bewohner verabreicht wird. Szenen wie aus einem Horrorfilm, die geradezu surreal wirken. Kritische Blogger, die über die Zustände etwa in den Krankenhäusern berichten, werden festgenommen und verschwinden. Der Film – anzusehen hier – ist nichts für schwache Nerven. Er schockiert. Treibt einem Schweiß auf die Stirn. Und doch lohnt es sich, ihn sich anzutun, um zu wissen, welche Folgen das Virus haben kann.

„China ist weit weg“- mit diesem Gedanken versuchte ich mich zu beruhigen und abzulenken von der Erkenntnis, dass Viren keine Grenzen kennen und die Chinesen wohl ihre Gründe haben für ihre dramatischen Maßnahmen. Dann schickte mir der Bekannte Links zu den Ereignissen in Italien: „Lombardei meldet 103 Tote an einem Tag“, schreibt die Tagesschau. Und weiter: „In der Nacht zum Sonntag hatte die Regierung die bislang weitreichendsten Maßnahmen gegen das Coronavirus in Europa angekündigt: Großteile Norditaliens sind nun Sperrzone. 14 Provinzen und die gesamte Region Lombardei sind betroffen – inklusive der Großstädte Mailand und Venedig – und die etwa 16 Millionen Menschen, die dort leben. Die Aus- und Einreise ist bis 3. April nur noch aus dringenden, zum Beispiel beruflichen Gründen erlaubt. Öffentliche Veranstaltungen und Gottesdienste sind gestrichen. Kinos und Theater sowie Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Restaurants und Geschäfte dürfen nur noch eingeschränkt öffnen.“Sofort musste ich wieder an die ZDF-Umfrage denken, dass die Mehrheit der Deutschen entspannt sei. An einen Bekannten von mir, hochrangiger Beamter in einem wichtigen Ministerium und Grüner, der sich darüber lustig machte, dass Menschen jetzt Vorräte anlegen. So dumm ich Hamsterkäufe finde – so leichtsinnig finde ich es, wenn Menschen, umso mehr solche mit kleinen Kindern wie der Grüne, keine Vorräte haben – zu denen übrigens die Regierung selbst rät. Aber offenbar fühlen sich manche hierzulande völlig unverwundbar. Umso heftiger, ja hysterischer dürfte ihre Reaktion in einer echten Krise ausfallen. Das macht mir Angst.

„Wir sind gezwungen, sogar in den Gängen der Spitäler Betten aufzustellen. Wir haben ganze Teile der Krankenhäuser umgebaut, um Platz für Patienten auf den Intensivstationen zu schaffen“, sagte derweil Antonio Pesenti, Leiter der lombardischen Kriseneinheit für Intensivtherapien, laut dem österreichischen Sender ORF. Pesenti warnte demnach im Interview mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“, dass das Gesundheitssystem an seine Grenze stoßen könnte: „Wenn die Bevölkerung nicht begreift, dass man zu Hause bleiben muss, um Ansteckungen zu vermeiden, wird die Lage katastrophal werden. Die Situation ist derart akut, dass die Zahl der Plätze auf den Intensivstationen der Krankenhäuser um das Zehnfache aufgestockt werden müsste“, sagte er.

Die italienischen Gesundheitsbehörden rechnen laut ORF damit, dass bis 26. März 18.000 Menschen in der Lombardei am Coronavirus erkrankt sein werden. Davon könnten bis zu 3.200 Patienten und Patientinnen die Behandlung auf der Intensivstation benötigen. Das ist mehr als jeder Sechste. Angesichts der Zahl von Infizierten könnten Ärzte und Ärztinnen bald gezwungen sein, Patienten und Patientinnen mit „besseren Lebenserwartungen“ Vorrang bei Behandlungen auf Intensivstationen zu geben, warnte Petrini laut ORF.

Noch weiter geht Richard Hatchett, Virus-Experte und einer der Architekten der Nationalen Pandemie-Strategie der USA: „Dies ist die beängstigendste Krankheit, die ich je in meiner Karriere erlebt habe, sagte Hatchett dem britischen Sender „Channel 4“: „Ich denke, das Besorgniserregendste an diesem Virus ist die Kombination aus Infektiosität und der Fähigkeit, schwere Krankheiten oder den Tod zu verursachen. Und wir haben seit 1918, der spanischen Grippe, kein Virus mehr gesehen, das diese beiden Eigenschaften auf dieselbe Weise kombinierte. Wir haben sehr tödliche Viren gesehen. Wir haben sicherlich Ebola oder Nipah oder eine der anderen Krankheiten gesehen, an denen CEPI, die Organisation, für die ich tätig bin, arbeitet – und diese Viren hatten hohe Sterblichkeitsraten – ich meine, die Sterblichkeitsrate von Ebola liegt in einigen Situationen über 80 Prozent . Aber sie haben nicht diese Infektiosität, die Corona hat. Sie hatten nicht das Potenzial, global zu explodieren und sich zu verbreiten. „

Hatchett fügte hinzu: „Ich denke nicht, dass es eine verrückte Analogie ist, die Situation mit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Die Weltgesundheitsorganisation verwendet solche Begriffe. Sie haben gesehen, wozu dieses Virus in der Lage ist.“ Laut dem Virus-Experten hat das Coronavirus das „Potenzial, eine globale Pandemie auszulösen, wenn wir nicht schon da sind“.

In Bezug auf die weltweite Verbreitung des Virus sagte Hatchett: „Singapur und Hongkong haben sich nicht abgeriegelt, aber sie haben zu sehr aggressiven Maßnahmen gegriffen. Die Rückverfolgung von Kontakten ist sehr wichtig. Die freiwillige Quarantäne von Kontakten ist sehr wichtig. Die Isolierung von Fällen ist wichtig. Ich denke, es könnte die Zeit kommen, Schulen zu schließen. „

Hatchetts Warnung läuft breit in englischsprachigen Medien. In deutschen ist laut google nicht einmal ein Hinweis darauf zu finden. Nicht einmal in „Faktenstücken“ wie dem oben zitierten im Cicero – wo auch der Hinweis auf die Zustände in China oder in Norditalien fehlt. Wo ist die Grenze zwischen dem vernünftigen Versuch, Panik zu vermeiden, und der Unterdrückung von relevanten Nachrichten? Bzw. deren Zerstückelung in Einzel-Stücken, statt Zusammenfassung in einem Überblick wie diesem hier – der eine ganz andere Sicht auf die Dinge vermittelt als Einzelmeldungen, die sich verlaufen.

Ist es richtig, dass etwa in den deutschen „Qualitätsmedien“ so gut wie nichts darüber zu finden ist, was in englischsprachigen Medien durchaus breit erörtert wird: Angebliche Hinweise darauf, dass das Virus aus einem chinesischen Viren-Labor stammen soll. Daily Mail etwa veröffentlichte eine Karte, der zufolge die Entfernung vom Wuhan Center for Disease Control (WHCDC) bis zu dem Fischmarkt, auf dem das Virus erstmals aufgetaucht sein soll, nur 270 Meter beträgt (siehe hier).

„Ein hochbrisantes Papier der von Peking gesponserten South China University of Technology besagt, dass das Wuhan Center for Disease Control (WHCDC) die Ansteckung in der Provinz Hubei hätte auslösen können“, schreibt das britische Blatt und zitiert aus dem Aufsatz „Die möglichen Ursprünge des 2019-nCoV-Coronavirus“, verfasst von den Wissenschaftlern Botao Xiao und Lei Xiao: Dort stehe, das WHCDC habe von Krankheiten befallene Tiere in Laboratorien gehalten, darunter 605 Fledermäuse. Es wird auch erwähnt, dass Fledermäuse – die mit dem Coronavirus in Verbindung stehen – einst einen Forscher angriffen und „Fledermausblut auf seiner Haut war.“ Laut dem Papier sind die einzigen heimischen Fledermäuse etwa 600 Meilen vom Wuhan-Fischmarkt entfernt.

Während britische Medien offen und nüchtern solche Theorien erörtern, sind sie in deutschen entweder nicht zu finden oder sie werden ohne inhaltliche Auseinandersetzung aus Verschwörungstheorien definiert, wie etwa hier auf tagesschau.de. Auch hier ist die Frage: Was ist verantwortungsbewusster? Was birgt mehr Gefahr, Verschwörungstheorien zu verbreiten und so Panik zu schüren? Solchen Spuren nachzugehen und darüber zu berichten, wie es britische Medien tun? Oder sie zu verschweigen bzw. ohne inhaltliche Widerlegung zu dementieren, wie in Deutschland?

Ich muss ganz offen gestehen: Ich kenne die Antwort nicht. Neige aber dazu, dass es besser ist, offen mit solchen Theorien umzugehen, und sich Punkt für Punkt inhaltlich mit ihnen auseinander zu setzen – weil sie sich sonst über das Internet unkontrolliert verbreiten, und dort eben keine nüchterne Auseinandersetzung mehr möglich ist.

Mein Bekannter im Chat schrieb noch viel, was mich am Einschlafen hinderte. Etwa, dass es ein Kardinalfehler gewesen sein könnte, am Samstag ein Bundesliga-Spiel in Mönchengladbach nicht abzusagen – nur rund 30 Kilometer entfernt vom Epizenter der Corona-Verbreitung in Deutschland, der Kreisstadt Heinsberg. Die Art unseres Lebens könnte sich in den nächsten Wochen auf lange Zeit ganz massiv ändern, und auch die Wirtschaft und vor allem der Aktienindex würden noch weiter einstürzen, warnte mein Bekannter.

Nachdem ich gegen vier Uhr endlich eingeschlafen war und morgens mit brummendem Schädel aufwachte, hoffte ich, dass ich einfach schlecht geträumt habe. Schnell ging ich zu meinem Computer – und musste feststellen, es war kein Traum. Und tatsächlich war auch der Aktienindex heute noch weiter eingestürzt, wie mein Bekannter vorher gesagt hat.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diese Geschichte schreiben soll. Und ich bin zu dem Schluss gekommen: Ich muss es. Ich gehe davon aus, dass ich hier auf der Seite rationale, kluge Leser habe, das zeigen mir die vielen Zuschriften. Und weil ich kein Erzieher bin, ist es nicht an mir, Informationen, die ich für wichtig halte, als „erzieherischen“ Gründen meinen Lesern vorzuenthalten. Mit dieser Einstellung ist man zwar unzeitgemäß und bezieht Prügel – sicher auch für diesen Beitrag – aber ich finde: Ich wäre kein Journalist, wenn ich all das nicht niedergeschrieben hätte, so sachlich und nüchtern wie möglich, und in der großen Hoffnung, dass alles viel, viel besser kommt als in China und in Italien. Nur sicher sein kann ich mir dessen eben nicht mehr. Und darüber muss man offen reden. Schweigen und Vertuschen ist keine Lösung, sondern das Gegenteil.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bilder: Screenshots ARTE

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