Der Fall Sarrazin: Kein Raum für Zweifel oder „falsches Denken“

Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Unstatthafte Assoziationen – ausgelöst vom Parteiausschluss Sarrazins aus der SPD

Was ist Geschichte?

Neil Postman, der bekannte amerikanische Medienwissenschaftler, soll gesagt haben, dass für die meisten Menschen Geschichte das sei, was am Vortag in der Zeitung stand. Bei der Betrachtung der gegenwärtigen politischen Themensetzungen ist es schwierig, dies zu widerlegen. Der aktuelle Selbstzünder und Dauerbrenner unter den Hypes, die BLM – Bewegung, offenbart Kernaussagen und Aktivitäten, die vor aufgeblähter Ignoranz historischer Zusammenhänge nur so strotzen. Nur so lässt sich erklären, dass die damit einhergehende Cancel Culture, die tollwütige Zerstörung von gewachsener westlicher Kultur, wie sie sich etwa in der Vernichtung von Statuen und der Forderung nach neuen Namensgebungen offenbart, lauffeuerartige Durchsetzungsgewalt hat und keine historische, abwägende Evaluation mehr möglich ist.

Im Framing dieses kulturellen Geisteszustandes mag es erhellend sein, den Ausschluss Sarrazins aus der SPD im Licht historischer Vorgänge zu betrachten, die sich assoziativ, also betont nicht mit dem Hinweis auf Deckungsgleichheit, einstellen.

Wolfgang Leonhards Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder aus dem Jahr 1955, in dem er seinen politischen Weg bis 1949 beschreibt, bietet einen selten authentischen Einblick in das System Diktatur, das er bis 1945 in der Sowjetunion und von 1945 bis 1949 als Funktionär in der SED-Führung von innen her kennenlernte.

Kein Platz mehr für den Abweichler Willy

Im Kapitel „Der Ausschluss des Genossen Willy” wird deutlich, was es bedeutete, nicht die „richtige“ Antwort auf die Fragen zu geben, die man von der Partei erwartete. Oder anders gesagt: Es gab keinen Raum für Zweifel oder „falsches Denken“, denn die Partei hatte immer recht.

Leonhard erzählt von einem „Genossen“ namens Willy, damals 35 Jahre alt, Arbeiterkind aus Berlin, der sehr früh schon in Deutschland engagiert für die Kommunistische Partei tätig war und deswegen 1933 in die Sowjetunion emigrierte. Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Antifaschisten. Auf der Kominternschule begegnete ihm Leonhard. Willy war er sehr beliebt und „nahm aktiv an den Seminaren teil“. Sowohl mit den Älteren, als auch mit den Jüngeren kam er sehr gut aus.

Eine regelmäßige Veranstaltung der Schule hieß „Unterricht in aktuellen Gegenwartsfragen.“ Eines Tages war das Thema die „antifaschistische Arbeit in der deutschen Wehrmacht.“ Es ging dabei um „illegale Organisationen in der Hitler-Armee.“ Ein Verhaltensdogma war, dass „die Angehörigen einer illegalen Gruppe sich niemals zu erkennen geben dürfen.“ Die Teilnehmer mussten in diesen Unterrichtsstunden Szenarien entwickeln, wozu ihnen eine Flut von „Was machst du, wenn …‘-Fragen“ gestellt wurde. Der Leiter dieser Gruppe, ein gewisser Wandel, stellte eines Tages folgendes Szenario vor: Ein Truppenteil der deutschen Armee (in dem sich verdeckte sowjetische Antifaschisten befinden) bekommt den Befehl, in einem besetzten Gebiet der SU „Häuser anzustecken und russische Frauen und Kinder zu erschießen.“ Die Frage dazu: Wie soll die Gruppe der eingeschleusten Antifaschisten reagieren? Besagter Willy, von Wandel angesprochen, zögert, spricht zweifelnd und entscheidet sich für das Gebot der Geheimhaltung der eingeschleusten Antifaschisten, also die „illegale Gruppe nicht auffliegen zu lassen.“ So, wie es der offiziellen Lehre entsprach.

Seine Unentschiedenheit und seine „falsche“ Entscheidung, d.h. falsche Antwort – er hätte, obwohl das für sozialistische Systeme eher erstaunlich erscheint, die Menschen retten sollen –, werden Willy zum Verhängnis. Der Vorwurf lautet „Beihilfe zum Faschismus“. Der einst verdienstvolle Genosse verlässt die Schule und endet im Nirgendwo.

Das Verhalten der Genossen

Wie verhielten sich die anderen Genossen, nachdem klar war, dass Willy in Ungnade gefallen war?

Leonhard: Ein Freund von Willy, Sepp, „war seit vielen Jahren mit ihm eng befreundet. Jetzt verdammte er ihn.“ Man „verglich ihn sogar mit Franco.“ Einer der zentralen Vorwürfe lautete „Verrat an der Partei.“

Blicke in die Gegenwart

Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sagte 1991, die Zukunft in Deutschland vorausdeutend: „Die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben (…), all das wird in die falschen Hände geraten. Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen – um sie dann zu übernehmen. Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen.“ (zitiert nach B. Reitschuster, Die Denunzianten sind los)

Ralph Stegner, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, twittert: „Und tschüss, Thilo Sarrazin: Ein Rassist + intoleranter Rechthaber, der als Schreiber langweiliger + armseliger Bücher mit kruden Vererbungstheorien und seinem ausländerfeindlichen Mumpitz viel Geld eingestrichen und der Glaubwürdigkeit unserer SPD enormen Schaden zugefügt hat.“

Semper idem

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ (Mark Twain)

 

 


Josef Hueber, geboren in Nürnberg, studierte in München und Exeter (England) Germanistik und Anglistik für das Lehramt an Gymnasien. Die an der Schule verbreiteten Lehrbücher in den weltanschaulich stark bestimmten Fächern durchschaute er lange nicht als das, was sie waren: Transportmittel für linke und grüne Ideologien. Seine Erkenntnis: Better late than never! Das öffentliche Bewusstsein sieht er heute geprägt von Anti-Amerikanismus, Israel-Bashing, Antisemitismus, Umweltalarmismus, Wissenschaftsfeindlichkeit und Selbstverleugnung in Fragen der kulturellen Identität, sowie von zunehmenden Angriffen auf die persönliche Freiheit durch den Nannystaat. In zunehmendem Maße pulverisiert man, was als Errungenschaft der Aufklärung gelten darf und deswegen den Alleinanspruch auf Modernität erheben kann.

Seine Begegnung mit Blogs, für die er auch Übersetzungen aus dem Englischen lieferte, stellte den Beginn seiner Tätigkeit als freier Autor dar. Blogs sind für ihn unverzichtbare Augenöffner in nahezu allen aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Er sieht sie als verlässliche Garanten für kontroversen Wettbewerb der Meinungen in einer von den Mainstream-Medien beherrschten Diskurshoheit.“ Im April 2020 erschien sein Buch „Stromaufwärts denken“.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: Lesekreis/Wikicommons/CC BY-SA 1.0 /Pixabay/bearbeitet/Reitschuster

Text: gast


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