Der Philosoph der Freiheit – heute aktueller denn je

Gastbeitrag von Professor Felix Dirsch

Heute vor 250 Jahren wurde der Meisterdenker des deutschen Idealismus, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren. Für den Verteidiger des bürgerlichen Ethos nahm die Thematik Freiheit einen zentralen Stellenwert ein.

Der Philosoph Hegel (1770-1831) ist ebenso faszinierend wie schwer zugänglich. Man nannte ihn (wie den Griechen Heraklit) „den Dunklen“. Dieser Grundzug hängt mit seinem Anspruch zusammen, das Ganze zu erfassen und dieses im Zusammenhang mit dem neuzeitlichen Trend zur Entwicklung zu präsentieren. Einer der meist zitierten Sätze aus seinem Œuvre lautet: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen“. Hegel ist Fortschrittsdenker par excellence.

In einem kunstvollen System, das Natur, Logik, Kunst, Religion, Erkenntnislehre und vieles mehr umfasst, will Hegel alle Stationen des Seienden von den Anfängen bis zum Höhepunkt in seinem eigenartigen Sprach- und Denkduktus darstellen. Der Geist ist das, was sich ständig ausdrückt – in Materie, Form, im Menschen und (am Gipfel) als Äußerung Gottes. Manche sprechen davon, dass Hegel die Biographie Gottes in der Welt nachzuzeichnen versucht. Der überzeugte Protestant ist eher als Pantheist denn als Christ einzustufen, da er Gott und innerweltliches Seiendes nicht immer streng voneinander trennt.

Klaus Vieweg konturiert Hegel in seiner unlängst erschienenen Biographie als „Philosoph der Freiheit“. Nicht zufällig hat schon der junge Hegel 1789 mit den Freunden im Tübinger Stift einen Freiheitsbaum gepflanzt. Man konnte meinen, eine jahrtausendealte Grundrichtung sei an ihr Ziel gekommen: Im Orient war nur einer frei, nämlich der Despot, in der klassischen Antike (Rom und Griechenland) nur wenige, die Adeligen. Erst unter christlichen Bedingungen wurden alle frei. Hegel wusste, dass die strukturelle Umsetzung der Freiheit der „Kinder Gottes“, die der Apostel Paulus herausstellt, nur sehr langsam verwirklicht werden konnte. „1789“ sieht er als Meilenstein.

Hegels Lebenslauf tritt völlig hinter seinem Denken zurück. Berühmt wird er erst in späteren Lebensjahren als Berliner Professor, wo er mit Fleiß den inhärenten Gesetzen des Weltgeistes nachspürt. Auf die Frage einer seiner Hörer, warum die Wirklichkeit so anders verlaufe als gemäß seiner Logik, konnte der königlich-preußische Theoretiker nur antworten: Umso schlimmer für die Wirklichkeit! So jedenfalls das Bonmot.

Die „Phänomenologie des Geistes“ fungiert als Hauptwerk. Die Stufen des Wissens werden, vergleichbar mit Platons „Politeia“, von der Erkenntnis des konkret Einzelnen bis zum absoluten Wissen reflektiert. Die Denkgesetze erfasst er in der Dialektik: Aus These und Antithese wird die Synthese, was einige antike Denker vorgaben. Dieser Ansatz ist durchaus lebensnah. Ein Mensch geht aus der Vereinigung von anderen Menschen verschiedenen Geschlechts hervor, um nur ein Beispiel zu nennen. Folgenreich wird das Gleichnis von Herr und Knecht in der „Phänomenologie“. Der überlegene Herr wird völlig vom Knecht abhängig, der im Laufe der Zeit die Oberhoheit über seinen Gebieter erringt. Eine Mustererzählung für solche, die eine Umwälzung der Gesellschaft anstreben!

Zu den wirkmächtigsten philosophischen Büchern der Neuzeit gehört Hegels „Rechtsphilosophie“. Auf den ersten Blick könnte man meinen, in diesem Werk werden Anmerkungen zu einer randständigen Teildisziplin der Rechtswissenschaften niedergeschrieben. Weit gefehlt. Im Vorwort schlägt besonders ein Satz wie eine Bombe ein: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“. Anders als viele Intellektuelle präsentiert Hegel – obwohl bekanntlich als „Idealist“ eingestuft – keine Idealwelt. Er kennt vielmehr die Probleme der Umsetzung von der Theorie in die Praxis. Für Hegel enthält echte Wirklichkeit immer ein Stück Vernunft in dem Sinne, wie diese Realität beschaffen sein soll. Ein echter Freund muss also Eigenschaften verwirklichen, die „man“ als notwendig erkennt, beispielsweise Hilfsbereitschaft auch in der Not zeigen. Ein authentisches Sein kann also nicht ohne Rekurs auf das Sollen definiert werden.

Was macht diesen Satz so brisant? Man kann ihn konservativ deuten, wie es seine rechtshegelianischen Schüler getan haben: Ihnen zufolge wohnt Vernunft in jeder Wirklichkeit. Hier lässt sich, könnte man meinen, der preußische Staatsphilosoph dingfest machen. Dieser Mythos wirft bis heute seine Schatten. Hegel unterstrich aber ebenfalls, dass die Arbeit der berühmten Reformer, wie Hardenberg und von Stein, zukunftsweisendes Potenzial erkennen lässt. Auch deshalb nahm Hegel ein wenig voreilig an, Preußen markiere das „Ende der Geschichte“. Der US-Politologe Francis Fukuyama übertrug diese Sicht in der Umbruchszeit um 1990 auf die USA und deren „Grundwerte“ wie Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte. Doch auch heute steht die Geschichte nicht still.

Ebenso existiert die andere Seite der Hegel-Rezeption: Die so genannten Linkshegelianer, die die Weltgeschichte nachhaltig veränderten, vornehmlich Marx und Engels, interpretierten den zweiten Teil der berühmten Aussage des Meisters anders: Sie deuteten die Worte so, als müsse man die Wirklichkeit erst vernünftig machen, damit sie echt sei. Eine adäquate Deutung müsse in letzter Konsequenz zu einer gesellschaftlichen Revolution führen. Marx & Co. wollten sich „ihren“ Hegel passend machen. Nach ihnen musste die vorrangige Stellung des Bewusstseins durch den Primat der Materie ersetzt werden. Der Geist geht für sie aus der Materie hervor (nicht umgekehrt!)

Wenn Marx und der Marxismus entweder totalen Schiffbruch erlitten haben oder nur noch als Dekor von eigentlich kapitalistischen Funktionärseliten in Ostasien ein kümmerliches Dasein führen, hat uns dann deren zentraler Anreger noch etwas zu sagen? Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die „Rechtsphilosophie“. Ihr Verfasser hat sich in dieser epochalen Abhandlung nicht nur mit juristischen Angelegenheiten beschäftigt, sondern ebenso mit Fragen des richtigen Handelns, weiter mit dem freien Willen oder der adäquaten Balance von Rechten und Pflichten.

Hegel fragt, ob es ein objektiv gutes Handeln geben könne. Zunächst wird das abstrakte Recht erörtert, anschließend die Moralität. Beide verbleiben im Bereich des Äußeren. Hegel analysiert anschließend eine dritte Stufe: die Sittlichkeit. Gemeint ist damit, dass im gesellschaftlichen Bereich der Einzelne Rollen auszuüben hat, die zwar sozial vorgegeben sind, die er aber individuell umzusetzen hat. Vor allem auf drei Feldern verwirklicht sich die Sittlichkeit: in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staat.

In der bürgerlichen Familie zeigt sich eine typische Einschränkung der Ehepartner, die dazu führt, dass sie sie selbst werden. Rechte und Pflichten bedingen sich auch in dieser altehrwürdigen Einrichtung. Sebastian Ostritsch hat dieses Paradoxon in seiner Studie über den „Weltphilosophen“ so ausgedrückt: In der Ehe realisiere sich nach Hegel „menschliche Selbstbestimmung als Bei-sich-selbst-sein-im-anderen“.

Da die Familie als intime Einheit ein wirtschaftliches Äußeres kennt, kommt es zwangsläufig (auf einer bestimmten Stufe der Weltgeschichte) zur bürgerlichen Gesellschaft. Diese wird konstituiert durch Privatpersonen, die ökonomische Interessen verfolgen. Kurz gesagt: Konsumenten und Produzenten suchen ihren Vorteil. Solche vorsichtigen Äußerungen belegen, dass Hegel kein Anhänger eines ungezügelten Kapitalismus ist; denn seine höchste Identität erhält der Einzelne nicht, wenn er bloßes Mittel zum (ökonomischen) Zweck ist, sondern auf einem Feld, auf dem er vernünftiger „Selbstzweck“ ist: „an welchem die Freiheit zu ihrem höchsten Recht kommt“. Das ist im Staat der Fall.

Deshalb ist der Staat nach Hegel die höchste Gemeinschaft. Die Freiheit ist es, die den Menschen zum Menschen macht, und diese Freiheit erfährt er auf einer unteren Stufe in der Familie, auf einer höheren im Staat. Dort geschieht die Reifung des Individuums. Hier kann Hegel an die klassisch-griechische Philosophie anschließen.

Helfen uns solche Erkenntnisse heute weiter? Wenn man das Programm der 68er-Kulturrevolutionäre und ihrer etwas pragmatischer agierenden linksgrünen Erben in Politik und Medien betrachtet, kann man eine klare Stoßrichtung erkennen: Diese Richtung will das Programm der bürgerlichen Sittlichkeit Hegels auf der Linie der Linkshegelianer zerstören – und ist damit bis weit ins bürgerliche Lager hinein erfolgreich. Die Schriften des Philosophen Günter Rohrmoser (1927-2008) haben diese Zusammenhänge detailliert analysiert.

Die Abwertung von klassischer Ehe und Familie haben wir durch Veränderung des Unterhaltsrechtes vor Jahren ebenso erlebt wie durch die Inklusion von Homosexuellen, wodurch die Grenzen dieser Institution undeutlich werden. Welche Beziehungen werden künftig unter die Bezeichnung „Ehe“ subsumiert? Vergleichbar sieht es mit dem Bedeutungsverlust des bürgerlichen Arbeitsethos aus. Braucht man dieses überhaupt noch, wenn man immer höhere staatliche Brot-und-Spiele-Ausgaben über Verschuldung fast zum Nullzins finanzieren kann, wie es überall in Europa (und darüber hinaus) in zunehmender Weise geschieht?

Bei anderen Arten staatlicher Aktivität, die man in der Verwaltungssprache traditionell „hoheitlich“ nennt, sind hingegen Tendenzen des Niedergangs seit Jahrzehnten unübersehbar. Wenn führende Politiker rechtstaatliches Handeln von Polizisten hauptsächlich aus Profilierungssucht angreifen und Polizisten von Journalistinnen auf den Müll geschickt werden, so scheint das Ende der Fahnenstange erreicht. Oder doch nicht? Die unübersehbare postmoderne Auflösung wichtiger Lebensbereiche, von führenden Intellektuellen wie Jürgen Habermas vorangetrieben, markiert Entwicklungen, gegen die Hegels Philosophie wie ein zeitloses Antidot wirkt. Folglich ist der schwäbische Geistesriese kein Denker von gestern. Die Beschäftigung mit ihm lohnt.


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Professor Dr. Felix Dirsch lehrt Politische Theorie und Philosophie. Er ist Autor diverser Publikationen, u.a. von „Nation, Europa, Christenheit“ und „Rechtes Christentum„. Dirsch kritisiert unter anderem den Einfluss der 68er-Generation und der „politischen Korrektheit“.

2012 erschien sein Buch „Authentischer Konservatismus. Studien zu einer klassischen Strömung des politischen Denkens“.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: Friedrich Hegel (1770-1831) mit Studenten. Lithographie, Franz Kugler, Wikicommons/ Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 (PD Old)

Text: Gast

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