Der vergessene Journalismus-Super-GAU

Aktualisiert: Jan 12


Hat der Spiegel einen neuen Relotius-Skandal? Der Reporter, der mit Preisen von der eigenen Zunft geradezu überhäuft wurde, hatte in großem Umfang Geschichten gefälscht und erfunden - und zwar immer so, dass sie wunderbar zum linksgrünen Zeitgeist passten. Er schrieb über Waisenkinder in Aleppo, denen im Traum Angela Merkel erschien, und zitierte die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" mit den Worten, in Chemnitz sei es "wie damals". Was sie offenbar gar nicht gesagt hatte.

Jetzt berichtet der Focus über neue, unglaubliche Merkwürdigkeit bei einer Geschichte, die einst die Republik erschütterte und jetzt den Spiegel erbeben lassen könnte: Die angebliche Erschießung des RAF-Terroristen Wolfgang Grams durch die Polizei am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen, die zum Rücktritt des damaligen CDU-Innenministers Rudolf Seiters führte.


Die Spiegel-Geschichte war voller Fehler und Verdrehungen. Dennoch - oder gerade deshalb, löste sie nach Erscheinen "sofort eine bundesweite Hysterie aus. Der Staat schien als Verbrecherorganisation entlarvt. Polizisten galten als Killer, Politiker als Vertuscher eines Mordes", wie der Focus schreibt.


Laut einer von "Monitor" (WDR) präsentierten eidesstattlichen Aussage von Joanna B., der Betreiberin des Bahnhofskiosks von Bad Kleinen, hatten demnach zwei GSG-9-Beamte den bereits wehrlos auf den Gleisen liegenden Grams aus „nächster Nähe“ mit mehreren Schüssen, unter anderem in den Kopf, getötet. Kurz darauf lief eine Spiegel-Meldung über die Nachrichtenagenturen, laut der ein beteiligter Polizeibeamter anonym die Aussage der Kiosk-Betreiberin untermauerte.


Nach den Angaben des Spiegel-Zeugen hatten sich zwei Männer von der GSG-9 über den ohne Waffe auf den Gleisen liegenden, verletzten, wehr- und reglosen Grams gebeugt, und ihm in den Kopf geschossen. Das Urteil des Spiegel-Zeugen: "Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution." Neben Innenminister Seiters musste Generalbundesanwalt Alexander von Stahl seinen Hut nehmen, das Vertrauen vieler Menschen in den Staat erlitt tiefe Risse. Und all das war die Folge journalistischer Fehlleistungen, von denen man früher gesagt hätte, dass sie ihresgleichen suchen (seit Relotius kann man das so leider nicht mehr sagen).

In Bad Kleinen hatte nämlich nicht der Staat versagt, sondern der Journalismus, und zwar mit Vorsatz, wie der Focus schreibt: "Die ,Monitor´-Zeugin B. etwa hatte, wie sich schon sehr bald herausstellte, überhaupt nichts eindeutig gesehen. Schon gar keine Polizisten, die Grams niedermetzelten. Die TV-Reporter hatten die eidesstattliche Erklärung einfach selbst formuliert – und als B. einwandte, sie könne den Kopfschuss nicht bestätigen, beruhigte sie einer der Reporter. Es hätte doch so sein können. B. unterschrieb die Erklärung und erhielt für ihre Lüge 250 Mark zur Belohnung."


Auch die Angaben des anonymen „Spiegel“-Zeugen entpuppten sich schon bald als falsch. Grams hatte sich selbst erschossen - zu diesem eindeutigen Schluss kamen jedenfalls zwei unabhängige Gerichtsmediziner, zwei staatsanwaltliche Untersuchungen, vier Gerichtsentscheidungen und ein Bericht der Bundesregierung. "Keine einzige Spur, keine einzige wirkliche Aussage widerspricht diesem Befund. Der Tod des Terroristen Grams ist so intensiv und so restlos aufgearbeitet, wie kaum ein anderer Kriminalfall in der Geschichte der Bundesrepublik. Raum für Mythen oder irgendwelche Verschwörungstheorien gibt es nicht", schreibt der Focus.


Die oben aufgeführten journalistischen Desaster sind bereits bekannt - nur leider so gut wie vergessen. Doch nun droht ein weiterer Skandal: Die Rolle von Hans Leyendecker, einst Spiegel-Aushängeschild und später bekannter Haltungsjournalist bei der Süddeutschen, der damals für die Geschichte verantwortlich war, wirft neue Fragen auf. Schon früher gab es erhebliche Zweifel an seinen Aussagen, insbesondere zu dem anonymen Polizei-Zeugen, mit denen er sich nach eigenen Ausgaben getroffen hat.


Frühere „Spiegel“-Kollegen, die damals mit Leyendecker zusammenarbeiteten, erzählten FOCUS jetzt "einen Ablauf der Bad-Kleinen-Recherche, der in entscheidenden Punkten von den Angaben Leyendeckers abweicht." Leyendeckers Vertrauter beim Bundeskriminalamt, den er als den Mittelsmann bezeichnete, der ihn mit dem Augenzeugen in Kontakt gebracht haben soll, sei demnach selbst dieser vermeintliche "Augenzeuge" gewesen.

Weiter berichten die Ex-Kollegen den Angaben zufolge: "Leyendecker habe seinen Vertrauten wenige Tage nach Bad Kleinen angerufen – und dieser alte Bekannte habe über die angebliche Exekution von Grams geplaudert. Das sei alles gewesen. Die Überzeugung des Informanten, Grams sei erschossen worden, habe für Leyendecker einfach ins Bild gepasst." Der Spiegel-Mann erzählte damals auch in den ARD-Tagesthemen vor einem Millionenpublikum von seinem "Augenzeugen" (dieser sage "mit großer Wahrscheinlichkeit" die Wahrheit).

Wenn die Informationen zutreffen, war der vermeintliche "Augenzeuge" des Spiegels selbst gar nicht in Bad Kleinen. Und der Spiegel hätte seinen nächsten handfesten Skandal. Leyendecker selbst bestritt gegenüber Focus die Angaben seiner Spiegel-Kollegen. Sein "Augenzeuge" sei vor Ort gewesen, so seine Aussage.


Die interne Kommission, die beim Spiegel den Skandal um Relotius und seine gefälschten und erfundenen Geschichten untersucht, soll nun auch Licht in das Bad-Kleinen-Fiasko bringen. Es geht dabei vor allem darum, ob es für den Artikel wirklich einen Informanten oder nur einen anonymen Anrufer gab.


Der Focus ist bzw. war zumindest einmal der Konkurrent des Spiegels, und insofern ist er als Quelle für die Aussagen der Ex-Spiegel-Leute natürlich nicht neutral. Wichtig und erschreckend ist die Geschichte aber dennoch - und zwar gleich aus mehreren Gründen. Bad Kleinen kein Einzelfall: Auch in Stammheim hat ja die RAF einen Mord an den Gefangenen suggeriert, und manche Medien haben das aufgegriffen, obwohl es tatsächlich ein Selbstmord war. Das totale Versagen, ja Manipulieren von Journalisten in der Bad-Kleinen-Causa ist heute so gut wie vergessen. Männer, deren Redaktionen einst dafür verantwortlich waren, wie Monitor-Chef Restle vom WDR, sollten vielleicht mit etwas weniger erhobenem Zeigefinger auftreten. Ebenso erschreckend ist, dass es heute wohl kaum noch jemanden wirklich wundern würde, wenn die Vorwürfe gegen Leyendecker zutreffen. Dies zeugt von einem ebenso kolossalen wie nachvollziehbaren Vertrauensverlust in unsere Medien.


Bemerkenswert ist, dass bislang so gut wie keine anderen Medien die neue Wendung in der Spiegel-Causa Bad Kleinen aufgegriffen hat.


Ein befreundeter Kollege sagte mir erst kürzlich: "Unser Beruf wird noch auf lange, lange Zeit hinaus diskreditiert sein." Ich versuchte, ihm zu widersprechen. Ich fand mich dabei, leider, nicht sehr überzeugend.

Bilder: WJournalist/Wikipedia Commons/CC BY-SA 3.0, Krd/Wikipedia Commons, CC BY-SA 4.0, Bk1086/Wikipedia Commons/CC BY-SA 3.0

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