Diebstahl mit Amtshilfe

Tschernobyl konnte ihn nicht erschüttern, die Wirren der Perestroika hat er unbeschadet und wohlbeleibt hinter sich gebracht, und nicht einmal Besuche in den berüchtigtsten Gefängnissen haben meinen Freund Igor aus seinem seelischen Gleichgewicht gebracht. Das schafften dafür die Polizei und das Finanzamt: Ein Steuerbescheid und ein Besuch bei den »Ordnungshütern« brachten das Weltbild des hartgesottensten aller

Russen ins Wanken. Als ob es für Igor nicht schon ein schreckliche Schicksalsschlag gewesen wäre, dass er seine neue Liebe auf Rädern so urplötzlich verloren hatte, folgte im Frühling 2006 die unglaubliche Fortsetzung der traurigen Geschichte.


Igor fand einen Bescheid über eine Kfz-Steuer-Nachzahlung von 1500 Dollar – was bei großen Summen für die meisten Russen und Rubel Verächter die gängige Währung ist – für den Wagen in seinem Briefkasten, für vier Jahre. Er glaubte an einen Irrtum. »Kein Problem, bringen Sie uns einfach eine frische Bestätigung der Polizei, dass der Wagen als gestohlen gemeldet ist«, meinte die Finanzbeamtin, weil ihr das alte Protokoll, das Igor brachte, nicht ausreichte.


Nichtsahnend fuhr Igor zur Polizei. Nach kurzer Suche im Computer sagte ihm ein Beamter: »Ihr Wagen ist nicht mehr gestohlen gemeldet. Laut Computereintrag wurde er kurz nach dem Diebstahl wiedergefunden und dem Besitzer zurückgegeben.«

Dumm nur, dass Igor selbst nichts davon erfahren hatte. Dafür gibt es nur eine logische Erkläru

ng, glaubt er: Die Polizei muss mit seinem geliebten Wagen krumme Geschäfte gemacht haben. Entweder hatten Beamte den BMWtatsächlich nach dem Diebstahl gefunden und kurzerhand beschlossen, das gute Stück zu behalten.


Oder sie hatten den Diebstahl von Anfang an in der Absicht inszeniert, den Wagen später aus der Liste der gestohlenen Wagen zu streichen. Ohne den Eifer der Finanzbeamtin, die eine neue Bestätigung forderte, wäre die Finte nie ans Licht gekommen. Igor hoffte auf Gerechtigkeit, ja träumte sogar von einem freudigen Wiedersehen mit seiner verloren geglaubten Liebe auf vier Rädern.

Pustekuchen. Seit Jahren versucht Igor verzweifelt, von der Polizei eine amtliche und einleuchtende Erklärung für das doppelte Verschwinden seines Wagens zu bekommen. Ohne Ergebnis. Alle Schreiben an die Ordnungshüter blieben ohne Erfolg. Obwohl der Name des Beamten, der den Wagen als »gefunden« zurückmeldete, bekannt ist.


Obwohl Igor die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Aber der Ermittlungseifer scheint sich in sehr engen Grenzen zu halten. Ein Polizist bot Igor an, gegen entsprechendes Bakschisch könne er ihm sofort eine Bestätigung ausstellen, dass der Wagen einen Totalschaden hatte und verschrottet wurde. »Nur rückwirkend geht das schwerer«, schränkte der korrupte Beamte ein – und Igor wäre auf seinen 1500 Dollar Steuerschulden sitzengeblieben, die in den Jahren seit dem »Diebstahl« aufgelaufen sind.

r Igor begann ein Dauerlauf durch die Instanzen. Dreimal war er beim Finanzamt und im Gericht, besorgte sich alle möglichen Bestätigungen. Erfolglos. Statt Gerechtigkeit bekam er eine Nachricht vom Gerichtsvollzieher: Der stellte jetzt sein neues Auto unter Arrest – wegen der nicht bezahlten Steuerschuld. Igor wurde zwar erlaubt, bis auf weiteres mit seinem Wagen zu fahren – aber er darf ihn nicht verkaufen und ihn auch nicht beim TÜV vorfahren, wenn die nächste Untersuchung fällig wird.


Nach einem neuen Gesetz droht ihm jetzt sogar das Verbot, aus Russland auszureisen. Bürger, die als säumige Zahler registriert sind, können neuerdings an der Grenze aufgehalten werden. Doch die Konsequenz, die ich Igor seit Jahren nahelege (nicht nur aus steuerlichen, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen), will er trotz des Ärgers mit dem Auto um nichts in der Welt ziehen: Lieber verzichtet er auf Auslandsreisen und übt sich in Amtsstuben-Spießroutenläufen, als von den eigenen vier Rädern auf die U-Bahn umzusteigen. »Unter die Erde«, hält mir Igor fatalistisch entgegen, »bekommst du mich erst, wenn ich tot bin«.


Auszug aus "Russki Extrem - wie ich lernte, Moskau zu lieben", Ullstein Verlag, 2009, Berlin

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