Fehlinformation nach tödlichem Messerstich

Aktualisiert: 24. Dez 2019

Von Boris Reitschuster


Es wird kaum jemanden kalt lassen, was heute in der Bild-Zeitung als Schlagzeile zu lesen ist: „GEZ-MANN IN KÖLN GETÖTET“. Weiter heißt es in dem Text: „Der letzte Schuldner, bei dem Kurt B. (47) in seinem Leben klingelte, war Clemens K. (60).“ Der Beamte habe gerade noch seinen Namen sagen können, „dann stach K. unvermittelt zu!“


Der Hass auf die öffentlich-rechtlichen Sender, den „böse Rechte“ schüren, gehe jetzt schon so weit, dass Männer, die Gebühren einziehen sollen, getötet werden – klagen nun manche in Reaktion auf die schreckliche Meldung aus Köln (im entsprechenden Kontext hat auch mir ein Leser die Nachricht geschickt). Es ist höchst wahrscheinlich, dass bei vielen hängenbleibt: Was für dramatische Auswirkungen doch die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien haben kann. Ob in diesem Zusammenhang auch von "Hetze" mit tödlichen Folge die Rede sein wird?



Andere wiederum ziehen aus der Bild-Schlagzeile die Schlussfolgerung, die öffentlich-rechtlichen Sender würden mit ihrer politischen Indoktrination die Menschen derart wütend machen, und hätten damit gar eine Mitverantwortung dafür, dass es zu tragischen Ausbrüchen wie jetzt in Köln kommt.


Beide Schlussfolgerungen sind Folge einer Fehlinformation. Denn liest man nicht nur die Überschrift in der Bild, sondern den ganzen Text aufmerksam, kommt man zu einer ganz anderen Einsicht, als sie beim ersten Blick vermittelt: wird Das 47-Jährige war nicht etwa das, was man sich landläufig unter einem „GEZ-Mann“ vorstellt. Dabei heißt die GEZ nämlich gar nicht mehr so, sie wurde im Zuge der Umstellung der Rundfunkfinanzierung am 1. Januar 2013 in "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice" umbenannt. Aber viel wichtiger: Das Opfer ist Vollstreckungsbeamter der Stadtkämmerei in Köln - und auch keinesfalls nur für Schulden wegen nicht bezahlten Fernsehgebühren zuständig. Womit der Begriff "GEZ-Mann" gleich doppelt falsch ist.


Aber nicht nur in der Bild wird der hastige Leser (und der ist heute wohl in der Mehrheit) derart in die Irre geführt. Die Frankfurter Rundschau schreibt etwa im Vorspann ihres Berichts: „Der Mann und seine Kollegin wollten beim mutmaßlichen Täter wohl ausstehende GEZ-Forderungen eintreiben.“



Zwar zog der Vollstreckungsbeamte Kurt B. am letzten Tag seines Lebens offenbar tatsächlich auch Fernseh-Gebühren ein, wie die Bild schreibt. Weiter heißt es in dem Text aber: „Nach BILD-Informationen aus der Behörde soll es bei Clemens K. aber nicht um Rundfunkgebühren gegangen sein – was B. dort kassieren wollte, teilte die Stadt nicht mit.“


Spätestens mit dieser weit unten im Text zu findenden Information ist die Überschrift als grob irreführend Überführt. Ja, sie stachelt – auf allen Seiten – Emotionen an, die zumindest in diesem konkreten Fall nicht angemessen sind. Wobei hinzugefügt werden muss, dass die meisten Zeitungen sich sehr um eine nüchterne Berichterstattung bemühten - und die oben aufgeführten, reißerischen Beispiele erfreulicherweise die Ausnahme sind. Doch Anlass zur Entwarnung ist dass nicht: Denn auch in sachlichen Berichten anderer Medien findet sich die Information der Beamte habe bei dem Angreifer GEZ-Gebühren einziehen wollen - unter Berufung auf die Bild. Und obwohl es die GEZ gar nicht mehr gibt. Hier sieht man, wie sich eine mutmaßliche Fehlinformation verbreitet und Eigenleben entwickelt. Denn dass die Bild ihre Angaben später im eigenen Artikel wieder zurückzog, ging im Informationsfluss eher unter. Und so bleibt wohl bei Hunderttausenden, wenn nicht Millionen Deutschen hängen: „GEZ-Mann getötet“.


Was an dieser furchtbaren Tat besonders tragisch ist, liest man in dem Bild-Artikel erst noch weit unten (so weit, wie viele Leser gar nicht mehr lesen): „Schon im März hatte der Täter eine städtische Mitarbeiterin (38) mit einem Schraubenzieher angegriffen und leicht verletzt. Damals begleiteten Polizisten die Frau, überwältigten K. Er wurde in eine Klinik eingewiesen.“



Und weiter heißt es: „Warum die Mitarbeiter der Stadt diesmal ohne Polizeischutz bei K. klingelten, ist unklar.“ Genau das aber gibt dem Fall eine besondere Brisanz. Denn Verharmlosung der wachsenden Gewalt scheint in unserer Gesellschaft eine weit verbreitete Erscheinung zu sein. Insofern wirft der tragische Tod von Köln die Frage auf, inwieweit das Herunterspielen der in den Statistiken bestrittenen, aber im Alltag von so vielen gefühlten Zunahme von Gewalt Menschen in falscher Sicherheit wiegt, und ihr Gefühl für Gefahren abstumpft. Auch wenn es ein Tabu sein mag, und wenn es schwer fällt, das auszusprechen: Dieser Faktor könnte zumindest indirekt eine Rolle gespielt haben. Und das sollte in den Medien thematisiert werden.



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