Bloß nicht sagen, was ist

Aktualisiert: März 3


Wer gestern die 20-Uhr-Tagesschau in der ARD, die wichtigste Nachrichtensendung im Land, anschaltete, bekam als erste Schlagzeile in Großbuchstaben auf dem Bildschirm zu sehen: "Flüchtlingsdrama an türkischer Grenze." Und nur in kleinen Buchstaben und für die meisten Zuschauer kaum wahrnehmbar stand darüber: "Griechenland stoppt Migranten." Im gleichen Duktus geht es dann in dem eingespielten Beitrag weiter: Er ist nur von "Flüchtlingen" die Rede, erst nach einiger Zeit werden eher beiläufig verschiedene Nationalitäten benannt. Ganz andere Töne als im deutschen Gebührenfernsehen sind in dem europaweiten Sender "Euronews" zu hören. Der ließ einen örtlichen Grenzpolizei-Chef mit Klartext zu Wort kommen: "Inzwischen ist klar, dass es sich nicht um syrische Flüchtlinge handelt, wir sprechen hier von einem riesigen Migranten-Strom verschiedener Nationalitäten."


Zu sehen ist im ARD-Beitrag ein Migrant, der es über die Grenze geschafft hat, aber festgenommen wurde, und der sich ein Taschentuch über das ganze Gesicht hält, so dass die sofortige Assoziation ist, dass er weint - und man erst einmal die Szene analysieren muss, ob zu verstehen, dass dies eben nicht klar ist. Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass mit Tränen gezielt manipuliert wird.

So kursieren im Internet Szenen, in denen Migranten ein Kind über ein Lagerfeuer in den Rauch halten, worauf dieses anfängt zu weinen. Der Vorwurf: Dies werde absichtlich gemacht, um danach weinende Kinder vor den Pressekameras zu zeigen und so Emotionen zu schaffen. Bereits bei der letzten Migrationskrise 2015 gab es entsprechende Berichte.


Ganz am Rande ist im Beitrag zu hören: "Gruppen von Flüchtlingen greifen mit Wurfgeschossen an, ein Polizist wird heute verletzt." Wenn vermeintlich Schutzsuchende diejenigen, von denen sie Hilfe erwarten, angreifen, sollte das journalistisch höher gewichtet und nicht erst am Ende eines Beitrags erwähnt werden. Im zweiten Beitrag der Tagesschau-Sendung ist dann der Tenor, wie schlecht die Griechen die armen Migranten behandelt - auch Frauen und Kinder. Bilder von ganzen Buskolonnen, die in der Türkei Richtung griechischer Grenze aufbrechen, sind in der Tagesschau nicht zu sehen - obwohl sie eine ARD-Reporterin privat auf twitter veröffentlicht hat und sie dem Sender somit wohl zur Verfügung gestanden hätten. Passen sie nicht ins Narrativ, also die Sichtweise, die die Redaktion vermitteln will oder soll?

Noch dreister ist das ZDF in "Heute" mit seinem "Framing", also dem Steuern der Denkrichtung: In den ersten Sätzen in der 19-Uhr-Haupt-Nachrichtensendung ist dreimal von "Flüchtlingen" bzw. "Geflüchteten" die Rede. Sodann wird beklagt, dass die Griechen sie mit Schlagstöcken und Tränengras zurückschlagen - und sofort wird eine Familie mit kleinen Kindern eingeblendet. Kurz danach sind Luftschläge der türkischen Armee auf Syrien zu sehen. So drängt sich dem Zuschauer sofort ein Zusammenhang auf, ohne dass er explizit genannt wird: Dass es sich bei den zuvor gezeigten Migranten um Menschen handelt, die vor diesen Bomben geflohen sind. Eine dreiste Manipulation mit Bildern. Nicht nur, dass wieder wie bei der so genannten "Flüchtlingskrise" 2015, die in Wirklichkeit eine Migrationskrise war, mit Bildern von Kindern und jungen Frauen Stimmung gemacht wird, obwohl diese eher die Minderheit unter den Migranten ausmachen dürften und vorrangig junge Männer unterwegs sind - es wird auch noch der Eindruck erweckt, als seien sie vor Bomben geflohen.


Was weder in der ARD noch im ZDF angesprochen wird: Die türkische Offensive in Idlib richtete sich gegen die letzte Hochburg der Terrororganisation "Islamischer Staat", wo deren ganzen Kämpfer, die aus dem restlichen Syrien vertrieben wurden, sich konzentrierten. Es gab schön früher Medienberichte, wonach Erdogan diese mit Bussen einsammelte und in die Türkei holte. Heute kommen junge Männer in großer Anzahl in Bussen an der Grenze zur EU an. Insofern ist zumindest der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, unter den Migranten könnten auch kampferfahrene und religiös verblendete Männer aus dem Umfeld des "Islamischen Staates" sein. Aber auch das würde wohl nicht ins Narrativ von ARD und ZDF passen. Kein Wort auch über die Forderung der Grünen-Chefin Annalena Baerbock, „Deutschland sollte Kapazitäten an Flüchtlingsunterkünften wieder aktivieren

Später am Abend setzte dann das heute-Journal noch einen drauf. Marietta Slomka begann mit einer Manipulation: Sie formulierte ihre Anmoderation so, dass beim gewöhnlichen Zuschauer der Eindruck entstehen musste, es seien direkt aus dem Kriegsgebiet in Syrien geflüchtete Menschen, die jetzt "zu Tausenden an der Europäischen Grenze" stehen. Sodann sind sofort Kinder zu sehen, und auch im Filmbeitrag werden zuerst "Frauen und Kinder" genannt. Das Stück sieht sich an wie ein Reklame-Streifen für "Refugees wellcome " - Flüchtlinge willkommen. Jedes Mal wenn Migranten im Bild sind, sind Kinder dabei.


"Merkels Erbe, die einst humanitäre Flüchtlingspolitik, stehe auf dem Spiel", heißt es in getragenen Worten in einem zweiten Beitrag, unterlegt mit dramatischer Musik: "Während die Menschen an der Grenze zur EU warten, leiden und hoffen, wirft die deutsche Opposition der Regierung vor, unsichtbar zu sein." Baerbock präsentiert sich sodann als Menschenfreundin, die für offene Grenzen eintritt - und dann wird AfD-Che Meuthen eingeblendet, er sagt, im Notfall müssten die nationalen Grenzen gesichert werden. Im Ton eines Predigers klingt nach Meuthens Worten sofort eine Stimme aus dem Off: "Sich abschotten oder Menschen aufnehmen?"


Wie manipulativ dieses "journalistische" Vorgehen ist, wird deutlich, wenn man sich einmal das Gegenteil vorstellt: Dass etwa nur junge Männer gezeigt würden, die griechische Grenzer angreifen, dann verwunderte Beamte sich beklagen über ihre Schmerzen, und nur darüber gesprochen wird, wie sie Europa vor illegaler Einwanderung retten.


Auch in vielen Zeitungen wird wie bei ARD und ZDF massiv "geframt". Die "Bild", die es viele Leser und Sympathien kostete, dass sie 2015 stramm auf Regierungslinie lag und massiv und teilweise recht realitätsresistent Stimmung machte für Merkels "Willkommenskultur", scheint wieder auf die alten Mistgabeln zu treten. Sie macht, ebenso wie etwa die Welt, erneut mit Bildern von verzweifelten Kindern Stimmung und redet von "Flüchtlingen" - wie eine überwiegende Zahl der anderen Medien auch.


Wie irreführend diese Verwendung des Begriffs ist, zeigt ein Blick auf die  Genfer Flüchtlingskonvention. Artikel 2 definiert einen Flüchtling "als Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann." Angesichts der gigantischen Migrantenströme in der Türkei pauschal von "Flüchtlingen" zu sprechen, ist also eine Manipulation. Die britische Presse zeigt, wie es anders geht: Seit 2016 begann man auf der Insel, sauber zwischen "Migrants" und "Refugees", also zwischen Einwanderern und Flüchtlingen, zu unterscheiden.


All das nährt den Verdacht, dass viele Medien nichts aus ihren Fehler von 2015 gelernt haben. Ausgerechnet die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung, jeder "rechten" Gesinnung unverdächtig, hat eine Studie veröffentlicht, in der sie die damalige Berichterstattung von FAZ, Bild & Co. heftig kritisierte und zahlreichen Medien attestierte, bei der kritischen Berichterstattung versagt zu haben. Die Studie kritisiert, wie Meedia.de berichtet, dass sich die „sogenannten Mainstreammedien“ geschlossen hinter Angela Merkels Flüchtlingspolitik versammelt hätten und dabei auch „Losungen der politischen Elite“ unkritisch übernommen hätten. Zudem sollen sie eine „euphemistisch-persuasive Diktion“ des Begriffs der Willkommenskultur verbreitet haben.


P.S.: Aus Österreich kam sehr schnell das Angebot von Hilfe für #Griechenland, aus Deutschland bisher nur Empörung darüber, wie die griechische Grenzpolizei die Migranten an der Grenze behandelt. Der neudeutsche Moral-Größenwahn in seiner ganzen Doppelmoral und Weltfremdheit in einem einzigen Satz.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres - Arbeitsbesuch Mazedonien, via Wikicommons, Lizenz CC BY-SA 3.0, Screenshot ZDF/heute

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