„Hand in Hand gegen das Virus“

Früher, ich kann mich gut erinnern, waren Chefredakteure noch Gestalten mit Gewicht. Wie Helmut Markwort, unter dem ich lange beim Focus gearbeitet hatte. An ihm konnte man sich reiben – aber dazu muss jemand Statur haben. Auch nach Thüringen stellte sich Markwort breit vor die Kamera, wie ein Fels in der Brandung, und widersprach dem linksgrünen Zeitgeist: An der Wahl von Kemmerich sei nichts auszusetzen, so der große alte Mann, der inzwischen für die FDP im bayerischen Landtag sitzt.

Was für ein Kontrast zu Armgard Müller-Adams. Sie kennen die nicht? Ich auch nicht, bis heute Nacht. Da sah ich ihren Kommentar in den Tagesthemen (anzusehen hier). Und konnte nicht glauben, dass sie tatsächlich Chefredakteurin einer öffentlich-rechtlichen Anstalt ist – des Saarländischen Rundfunks. Mich erinnerte ihr Kommentar eher an einen Stuhlkreis in einem Kindergarten.

„Die Gefahr kommt nicht von außen“, erklärte Müller-Adams ihre Position zu Corona mit einem sehr mädchenhaften Lächeln, mit dem sie ideal ins Kinderfernsehen passen würde: „Das Virus hat nur deswegen eine Chance, weil wir in Europa uns nicht besonnen haben auf unsere Gemeinsamkeiten, uns nicht vernetzt haben!

Wie bitte? Das ist fast das Niveau von Jens Spahn, der noch vor Wochen davor warnte, Infizierte auszugrenzen – nicht unbedingt auf dem Stand der medizinischen Forschung und auch nicht unbedingt die Art von Krisenmanagement, die man sich in solchen Zeiten wünscht.

Auch faktisch liegt Müller-Adams falsch. Nach langer Referenz zu Frankreich und der Nähe des Saarlandes zur „Gand Nation“ sagt sie: „Jetzt, wo ein Virus bei unseren Nachbarn so viel weiter verbreitet ist als bei uns, sehen wir plötzlich in dem anderen eine Gefahr“. Aktuellen Zahlen zufolge sind in Frankreich 5432 Menschen infiziert, in Deutschland 6235. Wie die Chefredakteurin des Saarländischen Rundfunks dazu kommt, nahezulegen, in Deutschland sei alles nicht so schlimm, ist schleierhaft. Ein Blick auf die aktuellen Zahlen (hier) zeigt, dass bei keinem Nachbarn die Zahl der Infizierten so hoch ist wie bei uns. Auch die prozentuelle Verteilung scheint bei den meisten Nachbarn vergleichbar bis geringer. Vermutlich bezieht sich Müller-Adams auf die unmittelbare Grenzregion, die zum Risikogebiet erklärt worden war – was sie allerdings im Kommentar so zeitversetzt erwähnte, dass hier der Zusammenhang den meisten Zuschauern nicht klar sein dürfte.

Müller-Adams klagt, dass wir „plötzlich in dem anderen eine Gefahr sehen“. Auch wenn das hart für jemandem mit einem dem linksgrünen Zeitgeist angepassten Weltbild sein mag: Es ist halt nun mal so in einer Pandemie. Manchmal ist die Realität einfach unschöner als in einer Pippi-Langstrumpf-Welt.

Müller-Adams beklagt weiter: Das Virus sei so gefährlich, weil jedes Land seinen eigenen Weg gehe. Würde sie das nicht so arglos und treuherzig vortragen, würde man es für Hohn halten! Hätten sich die Länder auf das untätige Brüssel verlassen und erst mal abwarten sollen? Im Gegenteil: Es war in dieser Krise ein Segen, dass nicht die schwerfällige Zentralmacht in Brüssel das Sagen hatte, sondern die viel schneller reaktionsfähigen Nationalstaaten. Auch in Deutschland war es ein tatkräftiger Ministerpräsident – Söder – der die anderen Länder und Berlin etwa bei den Schulschließungen zum Handeln trieb.

Weiter sagte Müller-Adams: „Wie überwunden geglaubte und nun neu entfachte territoriale Abschottung wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, hätten wir früher konzertiert gearbeitet.“ Wie bitte? Ein Freund aus einem kleinen europäischen Land schrieb mir empört zu diesem Satz: „Hauptwort in diesem Nordkorea-Kommentar ist: TERRITORIAL. Neu entstandene territoriale Abschottung. Die deutschen Merkelianer betrachten die Staaten in Europa nicht als das, was sie sind: Nationale Staaten. Sondern nur als Territorien!!!! Verwaltungseinheiten! Was für ein Skandal-Kommentar!“

Dabei spricht die ARD-Journalistin das eigentliche Problem nur indirekt an: „hätten wir früher konzertiert gearbeitet!“ Haben wir aber nicht. Auch, weil die Nachbarn müde sind von den deutschen Alleingängen, wie etwa in der Flüchtlingspolitik. Weil Merkel Deutschland isoliert hat in der EU. Und diese sich als recht fadenscheinig entpuppte: Da wird in ruhigen Zeiten ständig gebetsmühlenartig die Europäische Solidarität gelobt, dann kommt es zu einer echten Krise, Italien bittet die EU-Länder um medizinische Hilfe. Und wer hilft? Niemand. Auch nicht die Deutschen, die immer am lautstarksten sind (nachzulesen hier auf englisch). Über dieses Versagen der EU verliert die Tagesschau-Kommentatorin kein Wort.

Jetzt in der Krise prallt die linksgrüne Pippi-Langstrumpf-Welt von vielen Journalisten und Politikern, die sich vorzugweise um Gender, Unisextoiletten und Klima kümmern, in einem Frontalcrash auf die Realität. Viele bemerken den Aufprall gar nicht. Im Internet gab es einen Aufruf zu einer „Menschenkette gegen das Corona-Virus – gemeinsam Hand in Hand“. Dass dies offensichtlich ironisch gemeint war, schien vielen gar nicht aufzufallen – die Satire wurde so zu einer Art linksgrünen „Idiotentest“: Am Montag Mittag hatten gab es 1.693 Zusagen zu der Veranstaltung, und 2.859 Interessierte.

Das Virus stellt Politik, Medien und Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Und es entlarvt immense Weltfremdheit, Dummheit, Naivität und Ideologisierung. In ruhigen Zeiten mag man über diese lachen. In Krisenzeiten ist sie lebensgefährlich.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: Screenshot ARD/Tagesthemen

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