Kreml-Kritiker Nawalnij im Koma: Handschrift des KGB

1975 wurde der große russische Schriftsteller und Dissident Wladimir Woinowitsch in Moskau im Hotel Metropol von zwei Offizieren des Geheimdiensts KGB vergiftet. Woinowitsch, der später ausgebürgert wurde und in München lebte, war jahrelang angeschlagen und hatte schwer an den Folgen der Vergiftung zu tragen. Er wurde später mein väterlicher Freund, hat mich sehr geprägt, und wir haben öfter über seine Vergiftung gesprochen (siehe hier).

Kurz nach dem Aufwachen erfuhr ich heute, dass der bekannteste und beliebteste Oppositionspolitiker Alexej Nawalnij in Omsk mit klaren Vergiftungserscheinungen auf einer Intensivstation offenbar im Koma liegt. Laut seiner Sprecherin hatte er nach einer politischen Rundreise durch Sibirien die Rückreise nach Moskau angetreten und war völlig gesund in ein Flugzeug gestiegen. Am Flughafen trank der 44-Jährige demnach nur einen Schwarztee. „Direkt nach dem Abflug verlor er ziemlich schnell das Bewusstsein“, sagte seine Sprecherin Kira Jarmisch.

Nawalnij habe zunächst noch gesagt, dass er sich nicht gut fühle. Sie versuchte, ihn zu beruhigen. Als sie von einem Toilettengang zurückkehrte, habe der Oppositionspolitiker dann aber bereits das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug musste deswegen im sibirischen Omsk notlanden. Außer dem Tee habe Nawalnij nichts zu sich genommen. Auf einem Video, das im Internet kursiert, ist zu sehen, wie Nawalnij auf einer Bahre in einen Krankenwagen gebracht wird.

Nawalnij hat sich vor allem als Enthüller von Korruption einen Namen gemacht. Seine investigativen Berichte sind Legende, er hat Millionenvermögen und Machtmissbrauch von sehr vielen Politikern aufgedeckt. Seine Videos im Internet werden millionenfach abgerufen. Dadurch machte er sich extrem viele Feinde im Machtapparat. Immer wieder kam Nawalnij ins Gefängnis. Vor den Wahlen, für die er teilweise antrat, verbrachte er oft fast so viel Zeit in Arrest wie im Wahlkampf.

Die Kreml-Medien versuchen jetzt erneut ihn zu verunglimpfen und stellen den Notfall als Folge von Alkoholmissbrauch dar. Wer Nawalnij kennt wie ich, seine geradezu preußische Disziplin, kann das nur als absurd einschätzen. Im Krankenhaus in Omsk, in dem er liegt, wimmelt es nach Angaben von Augenzeugen nur so von Geheimdienstlern, Polizei und Nationalgardisten. Der KGB-Nachfolger FSB soll demnach direkt im Krankenhaus einen operativen Stab eingerichtet haben.

Die Vergiftung kommt zu einer Zeit, in der Massenproteste vor allem im Fernen Osten sowie im benachbarten Weißrussland den Kreml schwer verunsichern. Seit Wochen gehen in Chabarowsk Zehntausende, wenn nicht Hunderttausend(e) Menschen auf die Straßen, weil der sehr beliebte örtliche Gouverneur unter merkwürdigen Umständen festgenommen und abgesetzt wurde. Auf Spruchbändern wird Putin dort als Dieb bezeichnet, und seine Absetzung und Strafverfolgung gefordert. Die Proteste strahlten in andere Regionen aus, wo die Polizei hart durchgreift, was in Chabarowsk offenbar aufgrund der schieren Masse der Demonstrierenden nicht mehr möglich ist. Auch das Geschehen im benachbarten Weißrussland strahlt nach Russland aus und hat hohe Symbolwirkung.

Staatschef Putin hat in Dresden die friedliche Revolution erlebt und seitdem mehrfach deutlich gemacht, dass er Massenproteste für äußerst gefährlich hält und diese fürchtet.

So wenig ich persönlich ein Fan von Nawalnij bin – er ist der bisher einzige Gast meiner russischen TV-Sendung, der fest zusagte, dann wenige Stunden vor der Sendung um Verschiebung bat und dann nie mehr erreichbar war – in diesen Stunden bin ich in Gedanken bei ihm und wünsche ihm zuallererst, dass er überlebt. Wie das Schicksal meines Freundes Woinowitsch zeigt, können aber auch bei einem Überleben die Folgen sehr schwerwiegend sein. In einer Situation, die sehr brenzlig für den Kreml ist, wird so sein ärgster Feind ausfallen.

In Sowjetzeiten ebenso wie in Putins Russland wurden wiederholt Regimegegner vergiftet. So fand etwa ein Giftanschlag auf die später ermordete kritische Journalistin Anna Politkowskaja statt. Ebenfalls in einem Flugzeug. Auch der abtrünnige Alexander Litwinenko wurde 2006 mitten in London mit einer Mini-Atombombe aus Polonium vergiftet. Ein britischer Richter kam zu dem Schluss, die Vergiftung sei aus dem Kreml befohlen worden – obwohl die britisch Regierung lange versuchte, die Ermittlungen zu behindern, um die guten Beziehungen zum Kreml nicht zu gefährden. Oppositionspolitiker wie der frühere Schachweltmeister Garry Kasparow, der inzwischen im Exil lebt, vermeiden teilweise das Essen in Flugzeugen und Einrichtungen, wo eine Vergiftung schwer zu verhindern ist. Anhänger von Nawalnij fürchten seit langem einen Anschlag auf ihn. Und auch kritische Beobachter wie ich.

Ob wir die Wahrheit je erfahren werden, ist fraglich. Boris Jelzin ordnete höchstpersönlich die Aufklärung der Vergiftung meines Freundes Woinowitsch an. Doch nicht mal der Staatschef konnte den inzwischen umbenannten FSB zu „Glasnost“ zwingen. Der Geheimdienst widersetzte sich dem Präsidenten, verschleierte Unterlagen waren plötzlich verschwunden. Nur ganz diskret, auf persönlicher Ebene, gaben Mitarbeiter, deren Gewissen aufgewacht war, Woinowitsch gegenüber die Tat zu. Offiziell wurde sie nie aufgeklärt. Auch im Falle Nawalnijs kann man wohl kaum auf „Glasnost“ hoffen.

Am Donnerstag Abend wurde bekannt, dass der Chefarzt der Klinik in Omsk sich weigert, Nawalnijs Patientendaten seiner Frau und seinen Ärzten auszuhändigen. Diese wäre nötig, im den Kreml-Kritiker zu einer Behandlung ins Ausland zu fliegen, wie das seine Angehörigen wollen.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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