Notrufe aus den Krankenhäusern

Ganz offen gestanden – ich hielt es zuerst für Fake-News, also eine Fälschung, als ich auf twitter einen Aufruf der Oberhavel-Kliniken als Foto fand, auf dem steht:

„Wir bitten um Unterstützung!

Da wir schon längere Zeit nicht mehr beliefert wurden, sind unsere Vorräte an Schutzkleidung in den Krankenhäusern der Oberhavel Kliniken GmbH nun total erschöpft und reichen nicht einmal mehr für wenige Tage. Das betrifft insbesondere Masken, aber auch Kittel und Anzüge.

Verfügen Sie vielleicht über geeignete Materialien (Folie, Einweg-Regenmäntel etc.), die Sie uns zur Fertigung von Schutzkleidung zur Verfügung stellen könnten? Vielleicht gibt es in Ihrem Unternehmen auch ein Depot an Schutzkleidung oder Ausrüstung, das Sie im Moment nicht benötigen?

Helfen Sie uns bitte, indem Sie uns diese Bestände zur Verfügung stellen, natürlich gegen Bezahlung. Bitte melden Sie sich!

Wenn wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr ausreichend vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen können, gerät die Versorgung der Patientinnen und Patienten in unserer Region in Gefahr!“

Inzwischen habe ich diesen Hilfeaufruf im Internet gefunden, auf der Seite der Oberhavel Klinken in Henningsdorf nordwestlich von Berlin. Und nicht nur die Brandenburger Mediziner bitten um Hilfen. „Hilferuf von Wetterauer Krankenhaus: ,Wer hat zu Hause FFP2-Masken?“, lautet etwa eine Überschrift der Wetterauer Zeitung in Hessen. In Potsdam hat das städtische Bergmann-Klinikum hat um Hilfe beim Nähen von Masken gebeten, Bürger sind aufgerufen, selbstgenähte Masken dort abgeben. Die Kieler Nachrichten schreiben: „Ersten Kliniken in SH drohen die Schutzmasken auszugehen – Spenden erwünscht“

Ich frage mich selbstkritisch: Warum wollte ich zuerst glauben, dass es eine Fälschung ist? Wahrscheinlich, weil das ein Schutzmechanismus der Psyche ist. Weil es so schwer fällt, zu glauben, weil es so bitter ist,

  • dass Kliniken aus Not um Materialien die Bevölkerung um Materialien wie Folie und Einweg-Regelmäntel bitten, in einem Industrie-Land
  • weil noch im Februar unsere Regierung 14 Tonnen Hilfsmittel nach China schickte, darunter Schutzkleidung und Schutzmasken, obwohl schon absehbar war, dass die Pandemie uns erreichen könnte, und uns diese Schutzmittel fehlen
  • dass diese Regierung, die noch im Februar dieses überlebenswichtige Material hergab und beteuerte, alles sei ungefährlich, jetzt laut Deutschlandtrend höhere Zufriedenheitswerte hat als je zuvor (63 Prozent gegenüber 35 im Vormonat).
  • dass in den wichtigsten Nachrichtensendungen von ARD und ZDF von diesen Missständen so gut wie gar nicht die Rede ist, sondern der Eindruck erweckt wird, unsere Regierung habe alles wunderbar im Griff, auch in den Krankenhäusern sei alles bestens, und nur in anderen Ländern würden die Regierungen versagen und in den Krankenhäuser Probleme herrschen.
  • dass es wie BILD-Zeitung Schlagzeilen bringt wie diese: „72% zufrieden mit Krisenmanagement der Regierung und „Merkel denkt über 5 Amtszeit nach“. oder dass Gesundheitsminister Spahn Aussagen macht wie diese: „Bin derzeit Masken-Beschaffungs-Minister“
  • dass wir für unsere Gebühren auch im Internet für dumm verkauft werden. Etwa vom ARD-Chef-Faktenfinder Patrick Gensing (der gerade eine Klage gegen mich laufen hat), und jetzt auf Tagesschau.de erklärt, dass fürs gemeine Volk auch Stoffschutz hilft. Weiter heißt es im Beitrag des so genannten Faktenfinders, der nach eigenem Bekunden früher mit der linksextremen Antifa sympathisierte: „Für pflegerische Tätigkeiten oder andere Situationen, in denen Menschen engen Kontakt zu Influenza- oder Covid-19-Verdachtsfällen haben, wird ein einfacher Gesichtsschutz eigentlich als ungeeignet eingestuft. Dafür gibt es Masken mit der Schutzstufe FFP-2, die bestimmte Anforderungen zum Filtern von Partikeln erfüllen müssen. Sie sind beispielsweise wichtig für den Einsatz in Krankenhäusern, damit sich das Personal nicht infiziert.“ So wird, ohne dass dies explizit behautet wird, der Eindruck vermittelt, die Krankenhäuser hätten diese nötige Ausrüstung – obwohl die sogar um Einweg-Regenmäntel der Bevölkerung bitten.

Die Situation in der Oberhavel-Klinik ist keine Ausnahme. Mich erreichten mehrere Zuschriften, die über ähnliche Probleme in Krankenhäusern berichteten.

In einem heißt es: Die Situation läuft völlig aus dem Ruder. Trauen Sie den veröffentlichten Zahlen nicht. Keine planbaren Operationen mehr. Nur noch Unfälle und Patienten in lebensbedrohlichen Situationen kommen in den OP. Patienten wurden entlassen (nach Hause geschickt) oder – falls das nicht geht – über Stationen hinweg zusammengefasst. Spezielle Corona-Stationen werden eingerichtet. Ärzte jeglicher Fachrichtung müssen dorthin. Haben kurze Einführung in die Handhabung der Beatmungsgeräte bekommen. Besuchsverbot. Eingänge abgesperrt. Zäune aufgestellt. Wachpersonal. Ankommende Patienten müssen eine Art „Parcours“ durchlaufen: Befragung, … , Untersuchung. Reguläre Arbeitszeit auf 12 Stunden / Tag erhöht. (60 Std./Woche waren bislang keine Seltenheit, aber nicht die Regel.) Mangel an Mundschutz, Schutzkleidung, Betten externe Test-Kapazitäten nicht ausreichend. Personalmangel. Man rechnet damit, dass auch Ärzte erkranken. Deshalb hat man eine „zweite Reihe“ gebildet. Studenten der höheren Semester werden angeworben, Feldbetten wurden geordert, werden dann irgendwo aufgestellt. Allein gestern wieder 10 Verdachtsfälle, auch 30 bis 40-Jährige betroffen, Ärzte kritisieren die Regierung, sagen, den veröffentlichten Zahlen dürfe man keinen Glauben schenken. Diese werden in den Ländern ganz unterschiedlich erhoben und seien geschönt.“

In einem anderem Schriftwechsel heißt es: „Wir haben gerade erfahren, dass ein Patient, der zwei Wochen bei uns lag mit hohem Fieber, positiv getestet wurde, man hatte uns nicht erlaubt, Schutzmasken zu tragen, weil wir keine haben im Krankenhaus. Können Sie sich vorstellen, was da für eine Ansteckungskette die Folge ist? Ich bin überzeugt, das wird alles elend enden. Eine Kollegin war nachts ohne jeden Schutz eine halbe Stunde bei dem Mann, und heute war sie bei ihrer Schwester, ihrem alten Vater, ihrer alten Mutter. Ich frage mich: Wer wird zur Verantwortung gezogen für diese Opfer? Alle auf unserer Station sind alarmiert, vielleicht wird man jetzt endlich Abstriche machen, aber wer soll die machen, nach dem Infektions-Fall, wer wird noch da sein und arbeiten können?“

Die Lage ist offenbar sehr unterschiedlich in verschiedenen Krankenhäusern – aus Berliner Häusern hörte ich, dort sei die Lage entspannt – zumindest, was die Zahl der Patienten und freien Betten angeht. Niedergelassene Ärzte klagen ebenfalls über massive Probleme mit Schutz- und Desinfektionsmitteln. Patienten klagen in Berlin weiter über Probleme, getestet zu werden. Der Versicherungsfachwirt Christopher Bley (35) etwa war zweieinhalb Stunden am Wenckebach-Krankenhaus in Tempelhof angestanden, wie die BZ berichtet. Dann schickten ihn die Mediziner ungetestet nach Hause. Trotz verdächtiger Symptome und Urlaub in einem von Chinesen gern besuchten Ort in Österreich. Erst zwei Tage später, als er seinen alten Vater begleitete, wurde Bley getestet – positiv.

Die Liste solcher Beispiele und Probleme ließe sich endlos fortsetzen. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte gerade: „Wenn es brennt, löscht man und fragt nicht, wie man die Feuerwehr besser hätte vorbereiten können.“ Das mag sein (aber umso mehr müssen diese Fragen später gestellt werden). Aber, um in Kretschmanns Bild zu bleiben: Man blickt dann auch nicht ständig auf den Brand beim Nachbarn und zieht über den und die Nachbar-Feuerwehr her – und man darf auch nicht darüber schweigen, wenn die Feuerwehr-Kommandanten und ihre Hofjournalisten beteuern, der Brand sei sicher unter Kontrolle – man aber klar sieht, dass er das nicht ist. Solche Beschönigung ist gefährlich. Lebensgefährlich.


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Bild: PIXABAY

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