(Un-)wilder Osten

Bin ich in Polen auf der Fahndungsliste? Warum ich nach der Ankunft beim Wirtschaftsforum in Krynica, dem Davos Osteuropas, eine Schreckenssekunde hatte, wie hier in dem polnischen Kurort das Wirklichkeit wird, wovon ich in Deutschland nicht mal zu träumen wage – und wie ich hier in Kürze leibhaftig der Inkarnation des Bösen (aus deutscher Sicht) begegnen werde - all das in meiner aktuellen Alltagsgeschichte: Die Schrecksekunde ist kurz – und entpuppt sich als Zeitreise: Als ich im Hotel „Pegaz“ in Krynica, zweieinhalb Autostunden südöstlich von Krakau, auschecke, greift die junge Frau an der Rezeption zum Funkgerät und ruft meine Zimmernummer hinein: „Sie müssen noch warten“, sagt sie auf Polnisch – trotz Vorkasse.  Russisch und Polnisch sind ähnlich genug, dass ich nach ein paar Sekunden ahne, worum es bei dem Gespräch am Funkgerät geht: Ob ich nichts aus dem Zimmer habe mitgehen lassen. In Osteuropa ist so eine Kontrolle durchaus nicht unüblich – und man sollte sie keinesfalls als persönliche Beleidigung aufnehmen. Die direkte Kontrolle im Hotel hat sogar ihre Vorzüge. Ohne sie drohen böse Überraschungen  wie ich selbst erlebt habe.

Nie werde ich vergessen, wie in den wilden 1990er Jahren unser Flugzeug

auf dem Rollfeld in Elista festgesetzt wurde, weil via Tower aus unserem Hotel die Nachricht an den Piloten gekommen war, im Zimmer fehlten noch zwei Handtücher, und solange dessen Verbleib nicht geklärt sei, bekomme die Maschine kein Starterlaubnis. So eine Durchsage macht einen beliebt bei den Mitreisenden. Elista ist die Hauptstadt von Kalmückien, einer russischen Teilrepublik. Dort waren wir damals zu einem Interview mit dem Präsidenten, Kirsan Iljumschinow, der heute Präsident des internationalen Schachverbands ist und kein Geheimnis daraus macht, dass er Kontakt zu Außerirdischen hat.

In Iljumschinows „Regierungspalast“, einem tristen Plattenbau, warteten wir ca. sechs Stunden, bis wir gegen 3 Uhr nachts zum Interview mit dem Regionalfürsten und Multimillionär vorgelassen wurden. Als Ausgleich gab es eine Einladung zu ihm nach Hause – wo seine Frau die ganze Zeit weinte – und zum Kaviar-Trip aufs Kaspische Meer – wo wir prompt zwei Störe geschenkt bekamen, in voller Mannesgröße. Oder Frauengröße. Wie auch immer. Jedenfalls waren die Dinger riesig. Und stanken. Und machten unseren Kollegen schwer zu schaffen, als sie sie nachts mit einem Klappmesser in der Hotelbadewanne flugzeuggepäckgerecht zerkleinern wollten. Die Biester waren so widerwillig, dass die Kollegen zur Beseitigung der Schlachtfolgen unsere Handtücher ausliehen.

„Die sind in dem Zimmer, das die Kollegin hatte“, antwortete ich lautstark durch das ganze Flugzeug, in dem inzwischen der Geruch von Fisch immer penetranter wurde. Fünfzehn Minuten später bekamen wir die Starterlaubnis – als es auch höchste Zeit war, da erst nach Starten der Triebwerke auch die Ventilation startete und das Fischmarkt-Flair zumindest leicht abminderte.

Hier in Polen lief  heute alles reibungslos, ich bekam die Startfreigabe aus dem Funkgerät binnen einer Minute – und konnte mich endlich auf den Weg machen zum Tagungshotel. Die Taxifahrt dorthin war eine Lehrstunde gegen Vorurteile. „Ob das mit rechten Dingen zu geht?“, war mein erster Gedanke, als der Taxifahrer auf dem Taxometer Tarifstufe drei einstellte. Wobei man für die Nicht-Osteuropa-gestählten hinzufügen muss, dass allein schon die bloße Nutzung des Taxometers bis vor einiger Zeit alles andere als selbstverständlich war und bereits als Akt der Rechtschaffenheit gelten konnte.

Kaum an der Stadtgrenze von Krynica, einem Kurort in einem malerischen Mittelgebirge, angekommen, schaltete mein Fahrer auf Tarifstufe eins um – und legte Fahrsitten an den Tag, für die man in Moskau als Verkehrshindernis im schlimmsten Fall standrechtlich Prügel beziehen könnte: Er bremste für jeden Linksabbieger auf der Gegenspur und für Fußgänger, die ohne Zebrastreifen über die Straße wollten. Beschämt war ich spätestens, als ich die Zeche von 32 Zloty vor dem Aussteigen aufrunden wollte auf 40 – und er dann meinte, 30 würden es auch tun. Mit freundlichem Hinweis auf die „Bagage“, also das Gepäck im Kofferraum, stieg ich aus. Doch was der Mann an Freundlichkeit hatte, fehlte ihm an Englischkenntnissen – und kaum hatte ich die Türe zugeschlagen und lief Richtung Kofferraum, schon fuhr er los. Mit einem Hechtsprung und heftigem Klopfen konnte ich ihn zum Halten bringen – und wir tauschten die Rollen, jetzt war er beschämt und entschuldigte sich so lange, dass die dahinter wartenden Autos schon anfingen, zu hupen.

Die zweite Vorurteils-Lektion wartete in der Hotelkantine (ja, kein Restaurant) auf mich: die Menüplanung war sehr fleischlastig – ganz dem Klischee entsprechend. Doch als ich mich als Vegetarier outete, schienen es die beiden Kellnerinnen als ganz persönliche Herausforderung anzusehen, mich für die letzten Jahre fleischlosen Lebens aufzupäppeln: Sie zauberten Gemüse aus der Küche, das auf keinem anderen Tisch stand, dreifache Beilagen- und Dessertportionen, und strahlten trotz deutlicher Arbeitsbelastung um die Wette.

So warte ich jetzt mit vollem Bauch auf den heutigen Höhepunkt des Wirtschaftsforums: Fünf leibhaftige Regierungschef auf einer Bühne, Viktor Orban, der Gottseibeiuns der deutschen Medien und Politik, inklusive (ich hoffe, ich stecke mich nicht an). Morgen passiert dann in Krynica das, was in Deutschland im Moment undenkbar wäre: Ein hochrangiger Diplomat aus dem polnischen Außenministerium moderiert meine Buchvorstellung. Mit dabei: Andrei Illarionow, früherer Berater von Wladimir Putin und heute einer seiner lautstarksten Kritiker. Ich bin gespannt, ob sich einige der vielen russischen Apparatschiks, die hier auf dem Forum sind, zu der Veranstaltung verirren. Hauptsache, sie kommen nüchtern, damit es ihnen nicht so geht wie vor 10 Jahren am gleichen Ort dem Botschafter eines der zentralasiatischen Staaten: Der hatte so tief in die Flasche geschaut, dass er sich nach der damaligen Präsentation von „Putins Demokratur“ gar nicht mehr stoppen konnte vor lauter Begeisterung – weil es offenbar völlig außerhalb seiner Vorstellungswelt lag, das in einem Buch über Putin etwas anderes stehen könnte als höchstes Lob.

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