Virtueller Gedächtnisschwund im Gesundheitsministerium?

Schockerlebnisse, so heißt es, führen dazu, dass Menschen einen „Filmriss“ erleben – dass sie sich plötzlich an nichts mehr erinnern können. So rätselhaft dieses Phänomen bei einzelnen Personen ist – umso merkwürdiger erscheint es, wenn es plötzlich eine ganze Institution erfasst hat. Im vorliegenden Fall, so zumindest hat es den Anschein, ausgerechnet das Bundesgesundheitsministerium, bzw. dessen virtuelles Aushängeschild.

Schaut man sich den twitter-Account des Hauses von CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn an, fällt auf, wie eifrig die Beamten dort am twittern sind. Der Informationsfluss, so scheint es, ist immens, und er scheint nie abzureißen.

So dauert es eine ganze Weile, wenn man in der Zeitleiste, also der „Timeline“ des Ministeriums zurückgeht in die Vergangenheit. Etwa, wenn man sich noch einmal den Tweet vom 14.3.2020 ansehen will, in dem das Ministerium warnte: „Achtung Fake News. Es wird behauptet und rasch verbreitet, das Bundesministerium für Gesundheit / die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränken des öffentlichen Lebens ankündigen. Das stimmt NICHT! Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen.“

Das Problem bei der Fake News Warnung des Ministeriums: Sie stellte sich als Fake News heraus. Bereits wenige Tage später verkündete die Bundesregierung genau das, was sie nach Angaben von Spahns Haus nicht mal vorbereitete – massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Dass man kurz zuvor davon noch gar nichts wusste, klingt sehr unglaubwürdig.

Sucht man heute den entsprechenden Tweet des Ministeriums von 14.3.2020, wird man auf dessen twitter-Timeline nicht mehr fündig. Der Account hat einen „Filmriss“. Alle tweets von der Zeit vor dem 16. März sind nicht mehr zu finden in der Timeline. Merkwürdigerweise fällt der Filmriss ziemlich genau auf das Datum, vor dem das Ministerium die Corona-Pandemie noch auf die leichte Schulter nahm. All die Tweets, die im Nachhinein das Haus etwas dumm aussehen lassen könnten, sind über die Timeline nicht mehr abrufbar.

Per Einzelsuche etwa via google sind die entsprechenden Tweets zwar noch zu recherchieren, auch die Fake News-Warnung. Aber da findet sie nur, wer gezielt mit Zitaten aus diesen tweets sucht – eine allgemeine Durchsicht ist nicht mehr möglich. Und genau die könnte Peinlichkeiten zu Tage befördern. Ist es ein Zufall, dass die „Timeline“ ausgerechnet da endet, wo das Ministerium seinen Kurs wechselt? Könnte es sich um eine Standard-Prozedur bei twitter handeln, die tatsächlich ältere tweets ausblendet? Aber nach gerade mal zwei Monaten? Bei anderen Accounts sind auch viel ältere Meldungen noch in deren „Timeline“ sichtbar. Haben wir es mit einer digitalen Säuberung zu tun? Also wie so oft in diesen Tagen: Fragen über Fragen.


Corona trifft uns alle schwer. Auch wirtschaftlich. Auch freie Journalisten. Aber gerade in der Krise sind kritische Stimmen besonders wichtig. Um auf Fehler aufmerksam zu machen, um die Mächtigen im Zaum zu halten. Umso dankbarer bin ich, wenn Sie auch in diesen schweren Zeiten mithelfen können, die Existenz dieser Seite mit Hunderttausenden Lesern und millionenfachen Abrufen zu sichern – auch gegen die juristischen Angriffe, etwa eine Klage vom ARD-Chef-„Faktenfinder“ Gensing (Details siehe hier und hier). Ohne Sie geht es nicht!

Mit jedem Euro setzen Sie ein Zeichen und leisten einen Beitrag, Journalismus ohne Belehrung und ohne Ideologie zu fördern – und hunderttausendfach zu verbreiten.

1000 Dank!

Auf Wunsch bekommen Sie als kleine Gegenleistung für Ihre Unterstützung auch eines meiner Bücher. Alle Details und Möglichkeiten der Unterstützung finden Sie hier.


Bild: Screenshot twitter BMG

Keine Kommentare zu Virtueller Gedächtnisschwund im Gesundheitsministerium?

Kommentar schreiben