Was ist irre? Die Demos oder die Berichte über sie?

Aktualisiert: Juni 2


Für die einen sind die „Hygienedemos“ eine Ansammlung von Spinnern und Verschwörungstheoretikern - für die anderen sind dort Kämpfer für Freiheit und gegen Bevormundung. Wer sind die Menschen, die Samstags auf die Straße gehen? Und wie objektiv sind die Medien-Berichte darüber? Hier meine neues Video.

Beim Schneiden der Reportage wurde mir auf sehr drastische Weise klar, dass eine alte Binsenweisheit heute besonders schwer wiegt: Durch das Auswählen der Zitate und Bilder kann ein Beitrag über ein und dieselben Ereignisse eine völlig andere Drehrichtung bekommen und ganz gegensätzliche Eindrücke beim Zuschauer hervorrufen, der selbst nicht vor Ort war.

So sehr man sich beim Zusammenstellen auch um Neutralität bemüht - keiner von uns kann völlig neutral sein, weil jeder seinen eigenen Geschmack hat, seine eigenen Ansichten, und weil die zwangsläufig Auswirkungen haben darauf, welche Schwerpunkte man setzt, was man für wichtig hält und was nicht, was man in den Beitrag aufnimmt und was nicht. Wer auf solche Demonstrationen mit der Überzeugung geht, dass da nur Nazis und Irre sind, wird wohl auch welche finden. Und umgekehrt.


Noch schlimmer ist es, wenn Kollegen gar nicht mehr hingehen - und genau das ist ja heute so oft der Fall, wie der Angriff der Kollegin Nicole Diekmann vom ZDF-Hauptstadtbüro auf mich zeigte. Nur, weil ich selbst vor Ort war, um mir ein Bild zu machen, warf sie mir durch die Blume vor, ich sei Teilnehmer.


Sie machte damit ein pervertiertes Berufsverständnis klar. Und auch, dass „Ferndiagnosen“ heute als etwas ganz Normales gelten. Wenn Kollegen nur noch anhand von Bildern, die sie von Veranstaltungen bekommen, berichten, führt das fast zwangsläufig in die Irre - denn schon der Kameramann ist ja subjektiv. Und im Zweifel wird er sich eher für die schrillen Bilder entscheiden.

Auch mein Video ist nur eine Annäherung an das Geschehen. Zehn Reporter hätten sicher zehn unterschiedliche Reportagen gemacht. Vorausgesetzt, sie wären nicht alle ideologisch an die Aufgabe herangegangen und nicht mit der Voreingenommenheit, die perfide als „Haltung“ bezeichnet wird. Aber genau das ist heute bei den öffentlich-rechtlichen gang und gäbe. Und genau das ist für gebührenfinanzierte Medien (nicht für private!) ein Unding. Die Idee des öffentlich-rechtlichen Systems ist ja eben genau die Meinungsvielfalt: Ich bin gerne bereit, Gebühren zu bezahlen, wenn ich dafür unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven bekomme und mir selbst ein Bild machen kann. Nicht aber dafür, dass ich nur eine Sichtweise geliefert bekomme und belehrt statt informiert werde.

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Bild: Pixabay/Reitschuster

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