Wie in Nordkorea und Angola

Ein bisschen sei es wie eine Zeitreise, findet Lena. Den Weltfrauentag, den 8. März, kann sie seit ihrer Jugend in Russland und der Ukraine nicht ausstehen. Und nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie diese unangenehme Erinnerung viele, viele Jahre nach ihrem Umzug in die Bundesrepublik wieder einholt. Ausgerechnet mitten in Berlin – der Hauptstadt, in der sie als geborene Sowjetbürgerin inzwischen immer öfter Sozialismus-Déjà-vu´s erlebt.. Den 8. März sieht sie als „Inbegriff der Verlogenheit, der Falschheit“: „Das ganze Jahr über spürte man in Russland nichts von Gleichberechtigung, im Gegenteil, eine völlige Macho-Kultur, in der auch regelmäßige Belästigungen Gewohnheitsrecht waren, und man sich eher darüber aufregte, wenn sich eine Frau darüber aufregte.“

In den Augen von Lena, deren Nachnamen aus Gründen der Diskretion verschwiegen sei, und die 2012 zu ihrem deutschen Mann aus Moskau nach Berlin übersiedelte, ist der 8. März in ihrer einst sozialistischen Heimat zu einer Art Ablasshandel verkommen: „Da gab es dann Blumen, gerade von denen, die einen das ganze Jahr schlecht behandelten oder als Frau nicht für voll nahmen. Ich wünschte mir oft, die würden sich die sonst wo hinstecken – wenn es nicht um die Blumen schade gewesen wäre. Die liebe ich, aber nicht, wenn sie Teil einer solchen scheinheiligen Inszenierung sind, Feigenblätter.“

Nach dem Umzug nach Berlin 2012 freute sich Lena, „diesen sozialistischen Ballast in Form des 8. März“ hinter sich gelassen zu haben – wenn man die zahlreichen SMS und Anrufe aus der Heimat nicht mitrechnet. Als ich Lena einmal leichtfertig zum 8. März gratulierte, erntete ich nur böse Blicke. In der Tat ist der Weltfrauentag für Männer in Russland dünnes Eis: So sehr sie es sich bei den meisten Vertreterinnen des wirklich starken Geschlechtes verscherzen können, wenn sie obligatorischen Glückwünsche – idealerweise in Verbindung mit Blumen und Konfekt – vergessen, so droht andererseits Ungemacht, wenn sie damit an eine 8.-März-Verächterin wie Lena geraten. Und davon gibt es immer mehr. Im besten Fall kommen die Fehl-Gratulierer mit einem genervten Blick davon, in mittelschweren Fällen müssen sie sich einer Diskussion über Emanzipation stellen, und was im schlimmsten – aber nicht überlieferten – Fall passieren kann, und wozu Blumen und Pralinen in solchen Fällen zweckentfremdet werden können, wollen sei aus Höflichkeit hier verschwiegen.

Lena jedenfalls, die sowohl in der Ukraine als auch in Russland aufwuchs und jüdische Vorfahren hat, hatte das so ungeliebte Datum fast vergessen nach dem Umzug nach Deutschland – bis im vergangenen Jahr die Nachricht kam, dass Berlin den 8. März zum Feiertag macht. Wie im echten Sozialismus. Im sowjetischen – denn was der Berliner Senat mit der in SED umbenannten „Linken“ jetzt auf die Beine stellte, hatten in 40 Jahren DDR nicht mal Ulbricht und Honecker geschafft. Bei denen gab es zwar gute Worte und für Damen mit gut vernetzten Männern im Glücksfall auch die im März im Sozialismus noch seltenen Blumen. Doch die Produktion hatte Vorrang und es musste geschlechterübergreifend gearbeitet werden– während ihre SED-Nachfolger mit ihren Bündnisgenossen im Senat eher losgelöst von solchen faktischen Zwängen ihre Ideologie umsetzen. Bezahlen für den Spaß müssen ja eh die Bayern, via Länderausgleich.

Zuerst hielt Lena nahm Lena die Pläne, den 8. März zum Feiertag zu machen, nur für einen Scherz: „Ihr braucht ja zum Flughafenbau Jahrzehnte und jede Baustelle zieht sich ewig hin, bis das umgesetzt wird bin ich verrentet!“ Von wegen! Während Säuglinge in der Bürokraten-Hauptstadt ihre Geburtsurkunden erst ausgestellt bekommen, wenn sie zahnen, und selbst simpelste Bürgeramtstermine zuweilen eine monatelange Wartezeit erfordern, ging bei dieser ideologischen Entscheidung alles ganz schnell: Nur sechs Wochen lagen 2019 zwischen Beschluss des Abgeordnetenhauses und der Umsetzung. Wobei es noch schlimmer hätte kommen können. So war auch der 8. Mai im Gespräch als Feiertag – der in Russland einen Tag später als „Tag des Sieges“ über Deutschland gefeiert wird.

Ein weiterer Schock erwartete Lena im vergangenen Jahr, als sie an einem Zeitungskiosk vorbeikam. Da lag die Berliner Morgenpost mit einer Titelseite, auf der einzig und allein Portraits von Frauen abgebildet waren. Überschrift: „Ein Tag für alle Frauen“. Lenas erster Gedanke: „Das ist ja wie früher die Prawda“. Die Assoziation war zwar leicht schief – die Prawda hatte kaum Bilder und schon gar keine farbigen – aber in der Sache nachvollziehbar.

Auch über den arbeitsfreien Tag konnte sich Lena nicht freuen, weil sie Freiberuflerin ist und eigentlich trotzdem arbeiten musste – aber ihr Nachwuchs nicht in die Kita konnte. „Wenigstens fällt der 8. März dieses Jahr auf einen Sonntag“, meint sie erleichtert – in fast akzentfreiem Deutsch, das sie in vielen Jahren schon vor dem Umzug mühsam erlernte. Aber nun eigentlich gar nicht braucht in Charlottengrad, wie Charlottenburg hier aufgrund der vielen Russen genannt wird. Die meisten ihrer Freundinnen – auch sie zum Großteil 8.-März-Muffel, kommen hier mit extrem bescheidenen bis nicht vorhandenen Deutsch-Kenntnissen bestens klar. „Wenn es so weiter geht, müssen die Deutschen hier irgendwann russisch lernen“, scherzt Lena .

Sie hofft nun, dass ihr möglichst wenige Männer gratulieren. Lieber wäre es ihr, meint sie verschmitzt, auch das Jahr über öfter mal ein Kompliment zu bekommen, oder sei es nur ein Augenzwinkern, ein Tür-Aufhalten oder ein Aufstehen in Bus oder Bahn, wenn sie mit dem Nachwuchs unterwegs ist: Anders als bei Russen und Ukrainern habe sie bei Deutschen oft den Eindruck, die würden sich so zurückhalten, als stünde jedes Zeigen von Interesse oder auch nur elementare Höflichkeit unter strengster Strafe. „Was das Flirten angeht, haben wir in Russland und der Ukraine eher zu viel des Guten und es wird schnell zu heftig, in Deutschland dagegen gibt es fast gar nichts davon, man fühlt sich hier nicht mehr so recht als Frau, es bräuchte eine Mischung“, sagt sie mit sehnsüchtigem Lächeln.

Als sie sich in ihrem Ärger etwas kundig machte über den 8. März, fand Lena neues Material für ihren schwarzen Humor. „Endlich gehöre ich wieder zum progressiven Teil der Menschheit, denn den 8. März kann ich, wie sich herausstellt, heute gemeinsam feiern mit Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgisistan, Kuba, Laos, Madagaskar, Moldau, der Mongolei, Nordkorea, Nepal, Russland, Sambia, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, der Ukraine, in Usbekistan, Vietnam und Weißrussland. Da passt Berlin doch genau hin, in die Liste. Irgendwo zwischen Kirgistan und Uganda.“

Während die Bundeshauptstadt auf den vermeintlich progressiven Zug aufspringt, geht es in Russland in eine andere Richtung. Der kremlkritische Internetsender „Doschd“ machte sich im vergangenen Jahr in einer Reklame-Aktion über den Feiertag lustig: „Der 8. März ist ein Atavismus“, also so veraltet und unnötig wie der Blinddarm, schrieb eine Frau vom Sender in einem Newsletter: „Blumen und Geschenke dafür, dass ich XX Chromosomen habe und Ihr XY-Chromosomen – das ist natürlich angenehm, aber unverdient. “

Der Wind weht also selbst in Russland weg von dem sozialistischen Experiment mit dem Welt-Alibi-Frauentag. Berlins rot-rot-grüner Senat hechelt einem abfahrenden Zug hinterher.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: WIX

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