„Bald müssen wir uns Mullsäcke überstülpen“

Wenn sie Fernsehen sieht, kommt sich die erfahrene Zahnärztin (m/w/d) aus Bayern vor wie in einer anderen Welt. Denn in den Nachrichten auf dem Bildschirm ist die Corona-Situation in Deutschland gut unter Kontrolle. Alles im Griff – so die Botschaft, die ARD, ZDF und Co. täglich ihrem Millionenpublikum liefern. Dabei sieht es vor Ort an der Gesundheitsfront ganz anders aus. Zumindest bei der Medizinerin aus dem Freistaat im Süden der Bundesrepublik – ihr genauer Wohnort, ihr Geschlecht und ihr Name seien verschwiegen, weil sie sich Sorgen macht, dass ihre Kritik Konsequenzen haben könnte. Sie ist derzeit fast am Verzweifeln. Mehrmals im Telefongespräch mit ihr habe ich den Eindruck, dass sie, die ich seit vielen Jahren kenne und die sonst mit Ruhe und Ausgeglichenheit beeindruckt, mit ihren Nerven am Ende ist und kurz davor, zu heulen. Ihre Mitarbeiter hat sie in Kurzarbeit schicken müsse. Schließen darf sie ihre Praxis jedoch nicht – obwohl sie es eigentlich fast müsste, wie sie sagt. Hier ihre Schilderung:

„Wir Zahnärzte sind völlig verlassen. Man sagt uns, wir sollten uns an den Katastrophenschutz wenden, um Schutzmittel zu bekommen. Aber bei denen sind wir nur in Versorgungsgruppe zwei eingeteilt – gemeinsam mit Bestattern, Physiotherapeuten und Hebammen, alles Berufsgruppen, die nichts mit Aerosol zu tun haben.“ Aerosol nennt man die Wolke aus Wasser- und Speichelgemisch, die bei der Präparation eines Zahnes entsteht – und in der auch Bakterien und Viren enthalten sind. Weswegen Zahnärzte einer besonderen Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus ausgesetzt sind, das unter anderem den Rachen besiedelt.

Immer wieder seien die Zahnarzt-Praxen vertröstet worden, klagt die Medizinerin: Weil es aber keine Schutzmittel für sie gäbe, habe die kassenzahnärztliche Vereinigung jetzt vor ein paar Tagen ersatzweise einen Info-Brief verschickt, mit dem Ratschlag, die Patienten auszufragen. Etwa, ob sie in einem Risikogebiet waren oder zur Risikogruppe gehören. 55 Seiten dick sei die Information, mit Flussdiagrammen, und Ratschlägen, was die Zahnärzte machen sollten mit Covid-19-Patienten. Wenn es schon am nötigen Mindestschutz fehle. Solche Ratschläge ärgern die Zahnärztin: Aufgrund der Inkubationszeiten könne ein Patient keinerlei Symptome zeigen, und trotzdem infiziert sein und sie oder ihre Mitarbeiterinnen anstecken. „Im schlimmsten Falle werde ich dann zur Virenschleuder, die ihre Patienten ansteckt“, klagt sie.

„Ich könnte ja mit dem Mangel leben“, sagt die Frau bitter, „wenn man ehrlich gewesen wäre in den vergangenen Wochen und uns gesagt hätte: ,Wir können Euch nicht helfen´. Aber stattdessen hat man uns wochenlang versprochen, wir bekommen alles, also alle nötigen Schutzmittel.“

Zunächst habe sie sich mit einfachen Operationsmasken beholfen, die allerdings nur andere schützt, und nicht den Träger der Masken. „Wochenlang hat man uns gesagt, die reichen nicht aus, jetzt gab es plötzlich eine 180-Grad-Wende, jetzt heißt es, die reichen, aber selbst die sind nicht mehr zu bekommen“, klagt die Ärztin. Über einen befreundeten Apotheker konnte sie noch eine Notration erhalten – zu einem überhöhten Preis, ausreichend für eine Woche: „Und auch das nur, wenn ich sie wieder aufbereiten kann, wenn da Blut ran kommt, muss ich sie wegschmeißen.“ Zuerst habe es offiziell geheißen, Zahnärzte bräuchten die gut schützenden FFP-2 oder FFP-3-Masken bei allen Behandlungen, bei denen Aerosol entsteht – „jetzt plötzlich wurden wir Zahnärzte aus der Liste derjenigen, die diese Masken brauchen, herausgestrichen. Man kommt sich unheimlich veräppelt vor.“

Nächtelang suchte sie im Internet nach Informationen, vor allem in Sachen Schutzmittel – „offizielle Infos bekommen wir immer erst später“, sagt die Medizinerin: „Ich hätte mir solche Zustände nie vorstellen können. Alle schauen nur nach oben, was für Anweisungen kommen, keiner übernimmt Verantwortung.“ Obwohl sie ihren Ministerpräsidenten Söder nach eigenen Worten „sonst nie mag“, sei der doch der einzige, der in dieser Krise „gut gehandelt“ habe: „Er war der einzige, der bereit war, rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen.“

Die Praxis zu schließen ist keine Alternative – als Kassenzahnärztin habe sie einen Sicherstellungsauftrag und müsse weiter arbeiten – auch wenn sehr viele Termine abgesagt wurden: „Wenn ich ganz zu machen würde, könnte das Konsequenzen für die Zulassung haben. Entsprechende Mahnungen sind schon an die Praxen raus. Andererseits bin ich meinen Mitarbeitern gegenüber verantwortlich, und den Patienten, wenn ich keinen ausreichenden Schutz bieten kann. Im schlimmsten Fall bin ich haftbar und kann, völlig zurecht, verklagt werden. Es ist ein unlösbares Dilemma. Und die Verantwortlichen ducken sich weg.“

„Ich finde es nicht in Ordnung, dass wir für dumm gehalten werden, nicht mal den Minimal-Mundschutz erhalten, der wenigstens den Patienten dienen würde, von uns Zahnärzten rede ich nicht mal. Alle meine Ärzte-Kollegen wundern sich, dass wir überhaupt noch behandeln ohne gute Masken“, sagt sie: „Ich war schon früher skeptisch, aber dass wir nicht mal normalen OP-Schutz erhalten, das hätte ich mir nie ausmalen können. Ich habe gerade noch rechtzeitig vor der Krise normalen Mundschutz, Hand-Desinfektionsmittel und Handschuhe gekauft, aber das reicht nicht mehr lange und hat auch nur wegen der vielen Termin-Absagen bis jetzt gereicht.“

In Bayern hätten bereits über 200 Zahnarzt-Praxen schließen müssen, weil ihnen Schutzausrüstung fehle. „„Bald werden wir uns Mullsäcke überstülpen müssen, wenn es so weiter geht“, klagt die Zahnärztin: „Ich war mir immer sicher, dass der Katastrophenschutz bei uns funktioniert, ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal auf dem Schwarzmarkt auf Suche nach FFP-2 und FFP-3-Masken machen muss, dass die Berufsverbände Propaganda betreiben, statt uns zu informieren“.

Ihre Forderung: „Wir brauchen Ehrlichkeit! Man muss sich hinstellen und sagen, dass für einen normalen Betrieb die Schutzmittel nicht ausreichen, und dann Notfallkliniken einrichten. Aber dann gäbe es noch eine weitere Berufsgruppe, die Kosten verursacht, Arbeitslosigkeit, etc. Da zieht man es vor, zu lügen.“


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Bild: PIXABAY

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