Rassistische Vorurteile von US-Polizisten – ein Vorurteil

Gastbeitrag von Lukas Mihr, Historiker und freier Journalist

In den vergangenen Jahren gab es mehrfach Diskussionen über angeblichen Rassismus unter US-Polizisten. Tödliche Schüsse auf Schwarze seien der Beweis dafür, dass die US-Gesellschaft nach wie vor rassistisch sei.

Um diese Vorwürfe zu prüfen, rief die Washington Post im Jahr 2015 eine Datenbank ins Leben, die alle Fälle tödlicher Polizeigewalt dokumentieren sollte. (Eine Analyse der Jahre 2015 und 2016 wurde bereits an dieser Stelle veröffentlicht.)

Anhand der Datenbasis soll nun eine Bilanz gezogen werden. In den 5 Jahren von 2015-2019 erschoss die Polizei insgesamt 4931 Personen.

(Die Sonstigen sind meist Hawaiianer oder Personen aus dem Nahen Osten. )

Die absoluten Zahlen sind jedoch nicht aussagekräftig, wenn sie nicht in Relation zur Bevölkerungsverteilung gesehen werden. Im Zeitraum von 2015-2019 sank der Anteil der Weißen, während der Anteil der Nicht-Weißen anstieg. Als Vergleichsmaßstab wird daher die Bevölkerungsverteilung im Jahr 2017 – die genau in der Mitte liegt –

gewählt.

Bevölkerungsverteilung

Demnach setzt sich die US-Bevölkerung wie folgt zusammen:

Damit lässt sich für jede Rasse die Todesrate pro 1 Million Einwohner berechnen:

Da die Sonstigen nur schwer zu definieren sind und nicht immer einheitlich statistisch erfasst werden, werden sie in dieser Berechnung nicht aufgeführt.

Die meisten Erschossenen waren bewaffnet. Hierfür finden sich folgende Angaben:

Sonstige Waffen umfassen meist Schlaggegenstände (Baseballschläger, Hämmer, Metallrohre, -stangen), andere spitze Gegenstände (Schwerter, Macheten, Äxte, in Einzelfällen auch Kettensägen) aber auch Armbrüste (9 Fälle).

Schwarze werden von der Polizei mit etwa 2.45-fach höherer Rate erschossen als Weiße. Hispanics werden mit 1.25-fach höherer Rate nur geringfügig häufiger erschossen als Weiße, die wiederum 2.95-fach häufiger als Asiaten erschossen werden.

Ist die Polizei also gegenüber Weißen rassistischer als gegenüber Asiaten? Natürlich nicht!

Die amerikanische Polizei erschießt Kriminelle. Und Schwarze sind häufiger kriminell als Weiße, die wiederum krimineller als Asiaten sind.

Schwarze Kriminalitätsraten

Tatsächlich werden Schwarze nicht mit erstaunlich hoher, sondern mit erstaunlich niedriger Rate erschossen. Denn sie sind im US-Justizsystem 5.1-fach häufiger inhaftiert. Ein anderer Indikator ist die Rasse von Polizistenmördern. Von 2009 bis 2018 töteten 302 Weiße und 201 Schwarze Polizisten. Die schwarze Rate beträgt also das 3.9-fache der weißen Rate. (Die FBI-Statistik fasst Weiße und weiße Hispanics zusammen, sodass für die Berechnung der weiße Bevölkerungsanteil von 77.6% statt des nicht-hispanischen weißen Bevölkerungsanteils von 62.5% aus dem Jahr 2013 angenommen wurde.)

Um Rassismus zweifelsfrei nachweisen zu können, müsste sich zudem nicht nur zeigen lassen, dass Schwarze häufiger als Weiße erschossen werden, sondern vor allem, dass Schwarze häufiger von weißen Polizisten als von schwarzen Polizisten erschossen werden. Leider ist diese Information in der Datenbank der Washington Post nicht enthalten. Einem Team um den Forscher Joseph Cesario gelang es jedoch, diese Information für 917 der 994 Fälle des Jahres 2015 zusammenzutragen. Tatsächlich erschießen schwarze Polizisten nicht seltener, sondern häufiger Schwarze als weiße Polizisten. Sind Schwarze also rassistisch gegenüber ihrer eigenen Rasse? Natürlich nicht! Die Erklärung ist weit simpler: Schwarze leben zumeist im Süden der USA. Dort gibt es logischerweise mehr schwarze Polizisten, die umso häufiger auf schwarze Kriminelle stoßen. Bereinigt man die Statistik um diesen Effekt zeigt sich: weiße und schwarze Polizisten erschießen Schwarze mit gleicher Wahrscheinlichkeit.

Altersstruktur

Aus der Tatsache, dass die Polizei unter Schwarzen anteilig mehr junge Männer erschießt als unter Weißen, wird von den Medien oft geschlussfolgert, dass die Polizei junge, schwarze Männer als besonders gefährlich wahrnimmt. Aber zum einen gibt es mehr junge, schwarze Männer und zum anderen sind junge Männer gefährlicher. Männer unter 30 sind die am häufigsten kriminelle demographische Gruppe. Stellen sie einen größeren Teil unter den erschossenen Schwarzen, belegt dies, dass Kriminalität und nicht Rassismus Ursache für die vielen Toten sind. Würde die Polizei willkürlich Schwarze erschießen, würden Kinder, Alte und Frauen einen größeren Anteil ausmachen.

So sind 543 erschossene Schwarze (46.2%) unter 30 Jahre alt, hingegen nur 561 der erschossenen Weißen (25.2%). In der US-Bevölkerung sind 15.0% aller Schwarzen zwischen 20 und 30 Jahren alt, hingegen 12.6% der Weißen.

46 der erschossenen Schwarzen sind weiblich (3.9% ±0.25%), hingegen 122 der erschossenen Weißen (5.5% ±0.43%). Dieser Unterschied ist zwar klein, aber signifikant (d.h. keine Zufallsschwankung).

38 erschossene Schwarze (3.2% ±0.24%) trugen eine Waffenattrappe mit sich, hingegen 99 erschossene Weiße (4.4% ±0.39%). Die These, die Polizei würde einen Schwarzen mit einer (ungefährlichen) Waffenattrappe eher als Gefahr einstufen als einen Weißen, erscheint damit mehr als fragwürdig. (Um diese Frage zu klären, müsste aber feststehen, ob Weiße häufiger eine Waffenattrappe bei sich tragen.)

Gefährliche Täter

Waffenattrappen, wie beispielsweise Airsoft-Waffen, sehen täuschend echt aus, verfügen jedoch meist über eine farbliche Markierung, um sie sofort als Fälschung zu offenbaren. Wird diese Markierung übermalt, lässt sich kein Unterschied zum Original mehr feststellen. In den meisten Fällen wurden die Waffenattrappen bei Raubüberfällen benutzt, um die Opfer einzuschüchtern. Es ist daher nur logisch, dass die Polizei eine reale Gefährdungssituation annahm.

103 Personen saßen in einem Fahrzeug, als sie erschossen wurden. Es handelt sich in den meisten Fällen um Kriminelle, die sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferten und somit andere Verkehrsteilnehmer gefährdeten. Einige der Erschossenen hatten versucht, Polizisten zu überfahren oder Polizeiautos zu rammen. Andere Personen wurden erschossen, weil sie während einer Verkehrskontrolle das Fahrzeug starteten und die Polizisten befürchten mussten, vom Auto mitgeschleift zu werden, weil sie sich in die Fahrerkabine hinein gebeugt hatten.

Oft heißt es, die höhere Zahl unbewaffneter Schwarzer sei ein Beleg für Rassismus. Dazu sei angemerkt, dass unbewaffnet weder unschuldig noch ungefährlich bedeutet. Viele erschossene Personen hatten die Polizisten mit bloßen Händen attackiert. Immer wieder werden Polizisten erschossen, weil ihnen im Handgemenge die Dienstwaffe entrissen wurde. Andere unbewaffnete Personen wurden erschossen, weil sie sich unkooperativ verhielten. Ein Krimineller, der nicht augenblicklich den Anweisungen der Polizei folgt, riskiert, erschossen zu werden. Ein plötzlicher Griff in die Jackentasche oder das Handschuhfach könnte auch der Griff zur Waffe sein – schließlich sind Schusswaffen in den USA weit verbreitet.

Unschuldige Opfer?

Das erklärt aber nicht, warum unbewaffnete Schwarze häufiger erschossen werden als unbewaffnete Weiße. 104 erschossene Schwarze (8.9% ±0.40%) waren unbewaffnet, aber nur 126 erschossene Weiße (5.7% ±0.44%). Werden Schwarze insgesamt 2.45-fach häufiger als Weiße erschossen, verschiebt sich dieses Ungleichgewicht unter den Unbewaffneten auf das 3.87-fache. Vermutet die Polizei also bei einem Schwarzen eher als bei einem Weißen, dass er jeden Augenblick eine Waffe ziehen könnte und schießt daher schneller? Unwahrscheinlich. Denn genauso wäre möglich, dass schwarze Kriminelle seltener eine Waffe bei sich tragen – also häufiger unbewaffnet sind. Auch ist denkbar, dass schwarze Kriminelle sich häufiger unkooperativ verhalten als weiße Kriminelle – denn darauf deutet eine Analyse der Daten hin.

Von den unbewaffneten Erschossenen hatten 46 Schwarze (44.2% ±0.25%) und 54 Weiße (42.8% ±0.29%) die Polizisten attackiert. Diese Werte sind etwa gleich hoch. Würde die Polizei unkooperative Schwarze häufiger erschießen, weil sie in ihnen eher eine Gefahr sieht, wäre der Anteil der attackierenden Schwarzen geringer als der der attackierenden Weißen.

Gefälschte Beweise?

Dennoch wird infrage gestellt, wie verlässlich die Angaben über die Erschossenen denn seien. Schließlich hat man schon mehrfach in Hollywood-Filmen gesehen, wie Polizisten einem Unschuldigen eine Waffe und einen Drogenbeutel unterjubeln. So wird im Handumdrehen aus einem gesetzestreuen Bürger ein gefährlicher Dealer.

Tatsächlich ist möglich, dass sich derartige Einzelfälle ereignet haben, doch lässt sich ausschließen, dass systematisch eine solche Manipulation erfolgt.

Angenommen, derartige Manipulationen ließen sich nachweisen, hieße das nicht, dass man mit diesem Vorgehen Rassismus vertuschen wollte – womöglich wurde die betroffene Person nur versehentlich erschossen. Außerdem müsste man nachweisen, dass derartige Manipulationen nicht nur schwarze Personen betreffen, sondern zudem weiße Personen nicht betreffen.

Auch fällt auf, dass nicht in einem einzigen Fall gezeigt werden konnte, dass einer der 1175 erschossenen Schwarzen nachträglich durch gefälschte Beweise zum Kriminellen umstilisiert wurde. Der Verweis darauf, dass dies nur zeige, wie perfekt die Manipulationen seien, verfängt nicht. So wurde beispielsweise öffentlich, dass die USA manipulierte Beweise verwendeten, um die Invasion des Irak 2003 zu rechtfertigen. Ebenso wurden die Misshandlungen von Kriegsgefangenen in Guantanamo Bay und Abu Ghraib bekannt, die geheim bleiben sollten. Dass der durchschnittliche amerikanische Streifenpolizist besser im Vertuschen ist als Pentagon und CIA darf ausgeschlossen werden.

Statistische Indizien

Zudem gibt es gute statistische Indizien, die diese These widerlegen.

Würde die Polizei neben kriminellen Schwarzen auch unschuldige Schwarze erschießen, müssten sie in noch höherem Maße erschossen werden, als ohnehin schon. Denn wie oben gezeigt, liegt die Rate der erschossenen Schwarzen niedrigerals es die Kriminalitätsstatistik vermuten ließe. Auch müssten auffällig viele erschossene Schwarze über keine Einträge im Vorstrafenregister verfügen. Dieser Umstand wird von der Statistik nicht erfasst, in fast allen Einzelfällen, die besondere Medienbeachtung erfuhren, waren die erschossenen Schwarzen bereits vorbestraft. Ein langjähriges Vorstrafenregister zu fälschen, ist zudem ungleich schwieriger, als einem Toten belastende Beweismittel unterzuschieben.

In mehreren Fällen liegen zudem Aufnahmen von Überwachungskameras oder der Bodycams der beteiligten Polizisten vor, die die Taten des Erschossenen beweisen. In anderen Fällen können Familienangehörige oder Nachbarn bestätigen, dass der Polizeieinsatz korrekt geschildert wurde.

Werden unliebsame Aufnahmen gelöscht, oder fallen Bodycams „zufällig“ genau dann aus, wenn ein Schwarzer erschossen wurde? Die Daten sprechen eine andere Sprache. Von 180 erschossenen Schwarzen (15.3% ± 0.52%) liegen Videoaufnahmen vor, jedoch nur von 215 Weißen (9.6% ± 0.57%). In diesem Fall müsste der schwarze Anteil niedriger liegen, um einen Anfangsverdacht zu rechtfertigen.

Dealender Professor?

Zudem entspricht auch der soziale Hintergrund der Erschossenen im Wesentlichen dem kriminellen Profil. Zwar wird dieser Umstand nicht statistisch erfasst, aber auch in diesem Fall sprechen die Einzelfälle, die besondere Medienaufmerksamkeit erfuhren, eine deutliche Sprache. Würde die Polizei wahllos unschuldige Schwarze erschießen, würde es auch einen schwarzen Harvard-Professor, Firmenbesitzer oder Chefarzt treffen. Und wer würde glauben, dass dieser Personenkreis sein üppiges Gehalt in der Freizeit durch das Dealen mit Drogen aufbessert?

Würde die Polizei erschossene Schwarze nachträglich mit einer Waffe versehen, müsste die Zahl der unbewaffneten schwarzen Toten unter der Zahl der unbewaffneten weißen Toten liegen – das Gegenteil ist der Fall. Zudem sind Schusswaffen in den USA oft auf ihren Träger registriert. Es müsste sich also zeigen lassen, dass bei erschossenen Schwarzen Registrierung und Waffe seltener übereinstimmen, als bei erschossenen Weißen.

Für das kriminelle Profil der Erschossenen sprechen zudem, wie weiter oben beschrieben, Alter und Geschlecht.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Besonderes emotionales Gewicht hatte der Fall des 12-jährigen Schwarzen Tamir Rice, der 2014 erschossen wurde, da er in der Öffentlichkeit mit einer Airsoft-Waffe gespielt hatte. Rassismus scheidet allerdings als Motiv aus. Der Polizist galt als generell inkompetent und er hatte für den verletzten Rice noch einen Krankenwagen herbeigerufen. Zudem gibt es einen ähnlichen Fall, bei dem ein weißer Teenager erschossen wurde, weil eine Polizistin seinen Spielkonsolen-Controller mit einer Waffe verwechselt hatte.

Wer aber nur Kinder betrachtet, stellt fest: die jüngsten Erschossenen im Datensample waren drei unschuldige Weiße: zwei 6-jährige Jungen und ein 12-jähriges Mädchen. Der jüngste erschossene Schwarze war ein 13-jähriger Krimineller, der bei einem Raubüberfall eine Airsoft-Waffe verwendet hatte.

Unschuldige machen nur einen kleinen Bruchteil aller Erschossenen aus. Meist standen sie neben oder hinter einem Kriminellen, auf den die Polizei das Feuer eröffnete. 2015 und 2016 wurden insgesamt drei unschuldige Schwarze erschossen, für die Jahre danach weist die Datenbank keine Kurzbeschreibungen der Fälle mehr auf. Dennoch dürfte ihre Zahl für den Gesamtzeitraum nicht zwölf übersteigen, d.h. unter einem Prozent liegen.

Aus der Datenbank der Washington Post ergeben sich keine Ansatzpunkte für Rassismus bei der US-Polizei.


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Bild: Unsplash

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2 Kommentare zu Rassistische Vorurteile von US-Polizisten – ein Vorurteil
    MFink
    3 Sep 2020
    12:11
    Kommentar:

    Airsoftwaffen in den US sind nicht täuschend echt, da sie einen auffällig rot gefärbte Mündung haben - um eben den Unterschied sehr auffällig zu machen. In Europa gibt es das nicht!

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      MFink
      3 Sep 2020
      12:12
      Kommentar:

      Oh, irgendwie habe ich das mit dem Übermalen wohl überlesen - mea culpa!

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