Falscher Feiertag auf Druck der SED-Erben

Nachdem die Berliner Stadtregierung aus SPD, Grünen und Linkspartei bereits den sozialistisch geprägten Weltfrauentag am 8. März zum Feiertag gemacht hat, setzt sie jetzt noch mal einen drauf: In diesem Jahr wird auch der 8. Mai ein Feiertag in der Hauptstadt sein. Zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Was sich zunächst schlüssig anhört, ist in Wirklichkeit eine gut verpackte historische Giftpille. Der rot-rot-grüne Senat, in dem die umbenannte Mauerschützen- und Diktatur-Partei von einst wieder mitregiert, überholt auf deren Drängen hin nun sogar die DDR. Dort war der 8. Mai seit 1968 kein Feiertag mehr (bis auf eine einmalige Ausnahme am 8. Mai 1985). In der Bundesrepublik ist Berlins Entscheidung ein Novum.

Erstaunlich ist, wie viele Menschen die Problematik dieses Datums nicht verstehen. Das musste ich gerade erfahren, als ich auf Facebook und Twitter kurz kritisch auf die Entscheidung in Berlin hinwies. Massive Unwissenheit schlug mir dabei entgegen, verbunden mit Aggression. Etwa die Frage, ob ich durchgedreht sei. Oder Hinweise wie dieser: “Der Tag der Befreiung von der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft wäre für ganz Deutschland ein würdiger Feiertag.”

Nein, das wäre er eben nicht. Mich erinnert die Diskussion an Putins Streit mit den baltischen Ländern. Den russischen Präsidenten macht es wütend, dass die Balten den 8. Mai nicht als Befreiung ansehen wollen (bzw. den 9. Mai, an dem in Russland gefeiert wird, wegen des Zeitunterschiedes zwischen Moskau und Berlin bei der Unterzeichnung der Kapitulation gegen Mitternacht). Die Balten weigern sich, zu feiern, weil die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Rote Armee für sie eine neue Diktatur brachte. Genauso ist es den deutschen Ländern ergangen, die nach 1945 unter die sowjetische Diktatur kamen, unter Stalins Herrschaft.

Für die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone war der 8. Mai 1945 nicht nur das Ende einer Diktatur, sondern auch der Beginn des Wegs in eine neue. Die alten Konzentrationslager der Nationalsozialisten wurden von den sowjetischen “Befreiern” zum Teil weiter betrieben, nur dass jetzt etwa Sozialdemokraten dort eingesperrt wurden – weil sie sich der neuen Diktatur widersetzten. Tatsächlich wütete der Kommunismus in Deutschland weitaus weniger als der Nationalsozialismus, und gerade in ihrer späteren Phase war die DDR nicht mehr mit den Schrecken der Anfangsjahre unter Stalin zu vergleichen. Dessen Verbrechen, vor allem im eigenen Land, wo er unzählige Millionen Menschen umbringen ließ, verbieten es aber, ihn und sein blutiges Regime mit einem Feiertag zu würdigen, und sei es nur indirekt. Stalins Verbrechen durch einen Vergleich mit Hitlers Gräueltaten zu relativieren, wie das viele heute tun, ist eine zynische Verhöhnung der Opfer beider Schreckensherrschaften.

Gedenken am 8. Mai ist gut und richtig, ja notwendig. Aber dieses Gedenken sollte nicht schwarz-weiß erfolgen. Wenn heute viele so tun, als wäre damals der 8. Mai für die überwiegende Zahl der Deutschen eine Befreiung gewesen, verharmlost das den Nationalsozialismus und ist ein wohl unbewußter Versuch, sich bzw. seine Vorfahren von Verantwortung frei zu sprechen. Denn es war ja nun eben nicht so, dass die Mehrheit der Deutschen damals die Parole “Nazis raus!” verinnerlicht hatte und gehen ihren Willen von einer kleinen Bande brauner Verbrechern als Geisel gehalten wurde. Im Gegenteil: Bis zuletzt war ein großer Teil der Deutschen leider immer noch zumindest passiv loyal dem verbrecherischen Regime gegenüber. Die Mehrheit der Täter und Mitläufer wurde, im Gegensatz etwa zu den KZ-Insassen und Opfern, eben nicht befreit. Denn wer befreit wird, muss gegen seinen Willen festgehalten werden, und sei es in einer Ideologie. Sie wurden – Gott sei Dank – besiegt! Und erst später, durch die Entnazifizerung, wurden sie wirklich befreit (und manche leider auch nicht). So eine differenzierte Betrachtung scheint aber in der Aufgeregtheit und Oberflächlichkeit der heutigen Debattenkultur kaum noch möglich zu sein.

Wenn nun ausgerechnet in Berlin eine linke Regierung auf Druck der ehemaligen DDR-Diktatur-Partei diesen Tag in Tradition der Kommunisten (wieder) zum Feiertag macht, ist das etwas, was einem stillen, nachdenklichen und vor allem differenzierten Gedenken geradezu diametral entgegen gesetzt ist. Es steht in der Tradition der holzschnittartigen Instrumentalisierung dieses Datums für ideologische Machtkämpfe.

Wären etwa Bayern oder Niedersachsen plötzlich und unerwartet auf die Idee gekommen, den 8. Mai zum Feiertag zu machen, wäre das eine Sache. Eine andere Sache ist es, das in dem Teil Deutschlands zu machen, der unter Stalins Terrorherrschaft kam. Und der eine ganz besondere, problematische Geschichte mit diesem Feiertag hat, ihn als sinnentleertes, ja missbräuchliches kommunistisches Ritual erlebte. Umso mehr in Berlin, das wohl wie keine andere Stadt in Deutschland unter den Folgen des Kommunismus litt. Die in benachbarten Brandenburg anders als in Berlin mit regierende CDU hatte gute Gründe, zu verhindern, dass der 8. Mai auch dort Feiertag wird,

Die Entscheidung des Berliner Senats hat nichts mit Aufarbeitung der Geschichte zu tun. Im Gegenteil: Sie belebt ein Ritual wieder, das zur Instrumentalisierung der Geschichte missbraucht wurde: Stalin bezog die Rechtfertigung für seine Verbrechen ab 1945 aus seinem Sieg über den Nationalsozialismus. Später führte Breschnew das ein, was kritische russische Historiker einen “Kult des Sieges” nennen und was auch Putin übernahm.

Die Berliner Entscheidung wird auch den Opfern der zweiten deutschen Diktatur nicht gerecht. Unter ihnen waren auch überzeugte Bekämpfer des Nationalsozialismus. Viele von ihnen haben den 8. Mai 1945 im Gegensatz zur Mehrheit zunächst sicher als Tag der Befreiung gesehen. Aber sie mussten dann erfahren, dass sie sich anders als ihre Landsleute im Westen bitter getäuscht hatten.


PS: Der CDU-EU-Abgeordnete Michael Gahler kommentierte meine Kritik auf die Berliner Entscheidung auf facebook wie folgt:

Meine Antwort:


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