Wie der ARD-Faktenfinder mit Bildern mogelt

1966 diskutierte ganz Deutschland über das Wembley-Tor im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im gleichnamigen Londoner Stadium. War der Ball drin oder nicht drin? Damals entschied Linienrichter Tofik Bachramow aus der Sowjetunion, dass der Ball drin war, Deutschland verlor, und England wurde Weltmeister.

Heute diskutiert vielleicht nicht ganz Deutschland, aber doch das gesamte Internet, wie viele Demonstranten in Berlin auf der „Querdenken 711“-Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen waren. Einige Medien schreiben von „Tausenden“, die Polizei offiziell von 20.000, viele andere von einer Million oder mehr. Der Streit geht teilweise quer durch die politischen Fronten – so mahnte der konservative Publizist Klaus Kelle in einem Gastbeitrag hier zu Zahlen-Bescheidenheit, und wurde dafür massiv kritisiert.

So wie einst Linienrichter Tofik Bachramow aus einer verdächtig großen Entfernung die Wahrheit zu definieren versuchte, so tut das heute Patrick Gensing vom ARD-Faktenfinder. Der Mann, der nach eigenen Aussagen früher „Antifa-mäßig“ unterwegs war, und mich verklagt hat, weil ich auf Twitter auf seine merkwürdige Auffassung zu Fakten und Haltung im Journalismus aufmerksam machte (siehe hier). Gensing wagt nun die Ferndiagnose zur Teilnehmerzahl. Und landet mit einen spektakulären Bauchklatscher.

Ich war selbst lange auf der Demo und hüte mich trotzdem, mir anzumaßen, die Gesamt-Teilnehmerzahl abzuschätzen. Als Beobachter bekommt man bei so einer Großdemo nur Momentaufnahmen. Aber offenbar gibt es Journalisten, die über eine Vogelperspektive verfügen – oder Zugriff zu den Polizeibildern, die sonst keiner hat. Im konkreten Fall der in öffentlich-rechtlichen Sendern und Talkshows unter verschiedenen Aushängeschildern allgegenwärtige Reporter Olaf Sundermeyer. Vielleicht hat er solche Techniken beim Studium im kommunistischen Kuba kennen gelernt.

Chef-Faktenfinder Gensing schreibt über Sundermeyer: Er „beobachtet seit vielen Jahren Demonstrationen, er war den ganzen Tag rund um die Proteste unterwegs. Am Vormittag, so berichtet er im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, habe er den Demonstrationszug einmal an sich vorbeilaufen lassen und dabei überschlagen, wie viele Menschen ungefähr dabei gewesen seien. Seine Schätzung: etwa 12.000. Nach und nach hätten sich noch Menschen dem Zug angeschlossen, so seine Beobachtung. Er hält die Angaben der Polizei für realistisch. Auf der Straße zum 17. Juni seien es dann gut 20.000 gewesen, möglicherweise etwas mehr, sagt Sundermeyer.“

Merkwürdig: Nur 12.000 im Demonstrationszug, den Sundermeyer „einmal vorbeilaufen“ ließ – und dann später, als der Demo-Zug ankam, 20.000 und „möglicherweise etwas mehr“. Wie passt das zusammen? Dass mehr als ein Drittel der Teilnehmer außerhalb des Demonstrationszugs zur Kundgebung gekommen sein sollen, wirkt merkwürdig, und widerspricht auch dem, was ich gesehen habe. Weder Sundermeyer noch Gensing schien der Logik-Fehler aufzufallen.

Einer der Auslöser für den so genannten „Faktencheck“ von Gensing war ein „Meme“ in den sozialen Netzwerken, das sich viral verbreitete. Darauf wird die Loveparade mit offiziell über einer Million Teilnehmern mit der „Querdenken-Demonstration“ verglichen.

Die Debatte über die Bilder bestätigt den alten Ausspruch von Albert Einstein, dass alles relativ ist. Relativ schnell verbreitete sich auch dieses Gegen-Meme:

Auch wenn die Grundbotschaft dieser Meme korrekt scheint, führt es doch auch wieder in die Irre: Die Linie („das ist ungefähr hier“) ist nach meiner subjektiven Einschätzung nicht korrekt eingezeichnet, die Tribüne war deutlich näher an der Siegessäule. Aufgabe eines seriösen Faktenfinders wäre es, die unterschiedlichen Fotos und Perspektiven so neutral wie möglich einzuordnen. Doch was macht Gensing stattdessen? In meinen Augen manipuliert er munter mit. Indem er in seinem Beitrag folgende beiden Fotos gegenüberstellt:

Gensing mogelt hier mit der Perspektive. Und zwar so offensichtlich, dass sich die Frage aufdrängt: Ist er selbst überfordert, oder hält er seine Leser für so dumm? Beide Bilder sind völlig offensichtlich aus anderer Höhe und möglicherweise auch von einem anderen Standpunkt aus aufgenommen. Sie so gegenüberzustellen ist unseriös und irreführend – also genau das, was Gensing anderen vorwirft. Besonders deutlich wird die unterschiedliche Perspektive, wenn man die Bilder “mischt”:

Zudem hat Gensing ein Bild von der Demonstration ausgesucht, auf dem auffallend viele leere Stellen zu finden sind. Möglicherweise wurde es zu Beginn der Veranstaltung aufgenommen, als immer noch sehr, sehr viele Menschen hinzu strömten. Hier eine Gegenüberstellung des von Gensing ausgesuchten Bildes mit einem anderen:

Ein Leser merkte nach genauer Analyse des ARD-Bildes an, dass die Schatten und andere Details darauf hindeuten, dass es noch vor Beginn der Demonstration aufgenommen wurde (siehe Kommentare unten). Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen, denn als ich gegen Beginn der Kundgebung um 15 Uhr vom großen Stern her Richtung Brandenburger Tor loszog, war die Straße dort nicht mehr so leer wie auf dem Tagesschau-Bild.

Fakt ist: Einen Faktenfinder, der einfach die Fakten herauspickt, die in sein Weltbild gehören, dadurch manipuliert, braucht niemand. Schon gar nicht einen, den alle auch noch per Gebühren finanzieren müssen. Statt wie Journalisten gebärden sich die „Faktenfinder“ um Gensing in der ARD wie ein Wahrheitsministerium aus einem Orwell-Roman.


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2020 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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Bild: Screenshots twitter/Screenshots ARD/bearbeitet/ReitschusterText: red

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